Predigt im Altenberger Dom – Pfingstsonntag, 24. Mai 2015

Predigttext Römer, 8, 111

1 Jetzt gibt es keine Verurteilung mehr für die, welche in Christus Jesus sind.
2 Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes.
3 Weil das Gesetz, ohnmächtig durch das Fleisch, nichts vermochte, sandte Gott seinen Sohn in der Gestalt des Fleisches, das unter der Macht der Sünde steht, zur Sühne für die Sünde, um an seinem Fleisch die Sünde zu verurteilen;
4 dies tat er, damit die Forderung des Gesetzes durch uns erfüllt werde, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben.
5 Denn alle, die vom Fleisch bestimmt sind, trachten nach dem, was dem Fleisch entspricht, alle, die vom Geist bestimmt sind, nach dem, was dem Geist entspricht.
6 Das Trachten des Fleisches führt zum Tod, das Trachten des Geistes aber zu Leben und Frieden.
7 Denn das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; es unterwirft sich nicht dem Gesetz Gottes und kann es auch nicht.
8 Wer vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen.
9 Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.
10 Wenn Christus in euch ist, dann ist zwar der Leib tot aufgrund der Sünde, der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit.
11 Wenn der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.


Liebe Gemeinde, Gottes Geist sei mit uns allen!

Was macht uns das Leben leicht, was macht es uns schwer?
Ich habe Menschen vor Augen, die sich nichts abnehmen lassen. Ich kenne Menschen, die machen, weil sie niemanden belästigen wollen, allen das Leben schwer. Wenn man sie fragt, wie es geht, seufzen sie und sagen: Es muss. Aber es fällt schwer, sich entlasten zu lassen, abzugeben. Wir alle haben viel und wären manches doch gern wieder los.

„Wenn nun der Geist Gottes in euch wohnt ... , so wird er, der Christus auferweckt hat , auch eure sterblichen Leiber lebendig machen; durch seinen Geist, der in euch wohnt.“ Das ist einer der Spitzensätze im Römerbrief des Paulus. Was meint Paulus damit?
Gott wird euch lebendig machen...“ Man könnte es vielleicht so sagen: Lebendig fühle ich mich immer dann, wenn das Schwere erträglich, wenn aber auch das Leichte erträglich ist, wenn beides sich in einem Rhythmus abwechselt wie in einem Mobile, wo die frei schwebenden Einzelteile miteinander im Gleichgewicht sein müssen. So wirkt Gottes guter Geist: Er überwindet das Einseitige.

Es gibt Menschen, die tragen, schleppen, stöhnen und machen Druck, und manchmal denkt man: Die größte Last sind sie sich selbst. Es gibt Menschen, die träumen davon, alles abschütteln und schweben zu können, wunderbar leichtsinnig zu sein und werden dann erst recht schwermütig. – „Ich war noch niemals in New York“, Udo Jürgens besingt so eine Situation…Der Geist Gottes will das, was auseinanderfällt, wieder zusammenbringen für ein gutes Leben. Denn Einatmen – sich anstrengen. Ausatmen – frei werden. Brot und Rosen, beides gehört zum guten Leben.

Wir sind mit einer Gemeindegruppe auf der Insel Malta gewesen, bis vorgestern. Auf den Spuren des Apostels Paulus, der nach der Tradition und dem Bericht der Apostelgeschichte auf dieser Insel gestrandet ist, als er auf dem Weg nach Rom war. Paulus begegnet man ständig auf Malta, als Statue, Gemälde oder Mosaik. Er wird als beeindruckender Glaubensheld dargestellt, dem auch ein Schlangenbiss nichts anhaben kann, der Kranke heilt und deshalb von der einheimischen Bevölkerung wie ein Gott verehrt wird. Paulus bekehrte die Insulaner und auf ihm gründet der christliche Glaube der Malteser bis heute und seine Theologie prägte auch uns. Paulus, ein Held. Paulus ist aber mehr. In vielen Briefen beschreibt er sich als einen, der dem Bild, das andere sich von ihm machen, nicht entspricht, weil er krank, schwach und arm ist. Paulus, ein Looser. Selbst schiffbrüchig, verweist er auch auf die vielen, die auf Malta als Flüchtlinge ankommen, wenn sie nicht im Meer umkommen. Deren Unterbringung elend und deren Schicksal ungewiss ist.

Mit Erschütterung haben wir vom Pastor der deutschen Gemeinde vieles über die Lebenssituation der Flüchtlinge erfahren. Wie soll das mit all den Menschen weitergehen, die an den Grenzen unseres reichen Europa stranden. Wir machen uns viele Sorgen um die Zukunft, unsere Lieben, unsere Kinder, den Zustand der Erde, fühlen uns manchmal klein, ausgeliefert und hilflos. All das, was uns lähmt und an unserer Lebensfreude zehrt, nennt Paulus das Gesetz des Todes. Die Todesmächte, die oft so riesig erscheinen.

Gegen die Todesmächte bringt Paulus das Gesetz des Geistes und des Lebens in Spiel. Beschreibt mit recht spröden Worten das lebendige Wirken der Geisteskraft, die wirkt, wie sie will:


■ An einem sonnigen Morgen aufstehen und sich trotz der Sorgen des vergangenen Abends erfrischt und gestärkt fühlen.
■ Sich trösten und in den Arm nehmen
■ Die Musik
■ Sich aushalten und festhalten
■ Veränderungen einsehen und andere Richtungen einschlagen
■ Der Blick übers blaue Meer und wissen, dass Gott auch hinterm Horizont noch da ist

Was macht das Leben leicht, was macht das Leben schwer?

Paulus sagt: Euer Leben ist nicht vergeblich, auch wenn manches misslingt, wenn sich manche Hoffnungen nicht erfüllen, manche Träume nicht wahr werden. Gottes Geist ist immer schon da. Will in Bewegung setzen, das Schwere erleichtern und das Leichte erden. Ihr sollt empfindsam bleiben für Freude und Schmerz. Wir wurden geboren um zu wachsen und zu reifen, zu leben und zu sterben. Schweres und Leichtes, beides gehört zu unserer Lebensreise. Aber in allem gilt Gottes Versprechen: Wie mit unsichtbaren Fäden bleibt ihr gehalten und geborgen in seiner Liebe. Wie im Frühling die Natur erwacht, wie Jesus nicht im Tod festgehalten wurde, so holt Gott uns immer wieder zurück ins Leben, nicht nach dem Tod, sondern jetzt, hier und heute.

Als Kinder saßen wir auf der Wippe, und wer zu lange oben blieb, rief :'Lass mich nicht verhungern!' Auch dies kann man von Paulus lernen: Ich bin leicht. Ich bin schwach. Ich habe nichts vorzuweisen. ‚Mit Christus begraben und mit ihm auferstanden' so heißt es im Römerbrief ein bisschen vorher. Pfingstliche Leichtigkeit ist kein sorgloses Schweben über den Dingen. „Lass mich nicht verhungern!“' – Die Leere und Ungewissheit, es bleibt keinem Kind Gottes erspart. Paulus weist, was seine Person betrifft, immer wieder darauf hin, dass er beides ist: stark und schwach zugleich, verwundet und erlöst.

Dieser Rhythmus des Lebens, des Lebens, das Christus uns schenkt, soll in seiner Gemeinde erfahrbar werden. In der Gemeinschaft der Schwestern und Brüder, in der gesamten Schöpfung Gottes. Deshalb sind wir hier zusammen, Menschen aus zwei Gemeinden, dennoch miteinander verbunden. Das Leichte wird erträglich, wenn es wieder ‚Schwere' bekommt, wie umgekehrt das Schwere erträglich wird, wenn wir auch leichtlebig sein dürfen. In der Sympathie mit allem Lebendigen, im Mitleiden, auch im Ertragen des Unerträglichen. Unsere Gesellschaft driftet auseinander. Die einen haben Arbeit und Geld und können darüber verfügen. Sie werden schwerer und schwerer. Die anderen verlieren beides und haben nur das nackte Leben. Egal sein kann uns das nicht.

Liebe Gemeinde, heute am Pfingstfesttag lade ich Sie ein, mal wie Hans im Glück zu sein: Nachdem er sich von den Lasten freigemacht hatte: Dem Goldklumpen, dem Mühlstein, dem Pferd, der Kuh, usw. lernte er eine wichtige Lektion: Weniger ist mehr.

Und wenn es ganz schlimm kommt, tröstet mich – wie so oft – Martin Luther:
Wer ein Christ sein will, der lerne doch solches glauben, dass er sein Herz mit seinen Sorgen Gott auf seinen Rücken werfe; denn Gott hat einen starken Hals und Schultern, dass er es wohl tragen kann.

Amen



Evangelische Domgemeinde Altenberg