Predigt im Altenberger Dom – Karfreitag, 3. April 2015

Predigttext Mt, 27, 33-50

233 So kamen sie an den Ort, der Golgota genannt wird, das heißt Schädelhöhe.
34 Und sie gaben ihm Wein zu trinken, der mit Galle vermischt war; als er aber davon gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken.
35 Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. 36 Dann setzten sie sich nieder und bewachten ihn.
37 Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden.
38 Zusammen mit ihm wurden zwei Räuber gekreuzigt, der eine rechts von ihm, der andere links.
39 Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf
40 und riefen: Du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz!
41 Auch die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten verhöhnten ihn und sagten:
42 Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben.
43 Er hat auf Gott vertraut: der soll ihn jetzt retten, wenn er an ihm Gefallen hat; er hat doch gesagt: Ich bin Gottes Sohn.
44 Ebenso beschimpften ihn die beiden Räuber, die man zusammen mit ihm gekreuzigt hatte.
45 Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land.
46 Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
47 Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elija.
48 Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken.
49 Die anderen aber sagten: Lass doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft.
50 Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus.

Liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde,

heute Morgen sind wir hier, um Abschied zu nehmen von Jesus Christus, unserem Freund und Bruder, Herrn und Heiland.

Wunderbar und schwierig zugleich waren die Umstände seiner Geburt in Bethlehem. Gerade auf der Welt, wollte man ihm schon das Leben nehmen. Nur knapp konnte sich seine Familie durch Flucht ins Ausland dem Zugriff der staatlichen Todesschwadronen entziehen. Nach einigen Jahren kehrte die Familie zurück nach Nazareth, wo Jesus aufwuchs und das väterliche Handwerk erlernte, er wurde Zimmermann.

Im Alter von etwa 30 Jahren ging er auf Wanderschaft und predigte das Evangelium von der Liebe Gottes. Eine Gruppe von Männern und Frauen schloss sich ihm an. Er deckte die Scheinheiligkeit der Politiker und Würdenträger auf und suchte immer wieder den Kontakt zu den Ausgegrenzten. Er vertrat den unbedingten Anspruch Gottes auf unser Leben.

Das machte ihn verdächtig. Deshalb wurde er vor Gericht gestellt und zum Tod am Kreuz verurteilt. Die Evangelisten nehmen uns mit hinein in dieses Geschehen. Muten uns diese grausame Geschichte zu. Wir haben es in der Lesung aus dem Matthäus-Evangelium gehört.

Liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde, so werden die angesprochen, die sich zu einer Beerdigung versammeln. Heute darf ich Sie, liebe Gemeinde, einmal so ansprechen, denn heute am Karfreitag, sind wir wie Angehörige auf einer Beerdigung, sind wir eine Trauergemeinde.

Manchmal ist man gar nicht so persönlich betroffen, sondern besucht eine Trauerfeier, weil es erwartet wird. Manchmal kannte man den Verstorbenen / die Verstorbene nicht mal besonders gut. Manchmal wird einem bei einer Beerdigung die eigene Endlichkeit bewusst. Aber nur bei nahen, geliebten Menschen geht uns der Tod unter die Haut. Oder wenn Menschen so fürchterlich ums Leben kommen, wie all die Reisenden bei dem Flugzeugabsturz in der vergangenen Woche. Dennoch ist unsere Trauer, vor allem um die jüngeren Menschen, doch anders als die Trauer der betroffenen Familien, denn die müssen mit diesem Tod fertig werden.

Heute ist es aber anders: Wir sind alle betroffen, denn wir sind alle angehörig. Seit unserer Taufe gehören wir zu Gott, sind Gottes Kinder. Seit der Taufe sind wir Schwestern und Brüder dieses ermordeten Jesus, deshalb können wir nicht sagen: Sein Tod geht mich nichts an. Wir stehen nicht weit weg vom Sarg, sondern mit den Frauen unter dem Kreuz. Da hängt er, der Bruder und Gottessohn. Kaum wagen wir in sein Gesicht zu schauen, seine Wunden anzusehen.

Vielleicht, wenn wir diesen Schmerzensmann ansehen, kann es passieren, dass wir uns selbst erkennen: Angst, Schmerz, Schuld, Elend. Die nie verheilten Wunden, Unzulänglichkeiten, Bosheiten, die vielen Tränen, alles was uns den Schlaf raubt. Mich hat immer sehr der Isenheimer Altar von Matthias Grünwald beeindruckt. Die grausame Darstellung des gemarterten Christus als Trostbild für schwerstkranke leidende Menschen.

Aber eigentlich ist das unerträglich: Nicht nur, dass wir uns mit dem Elend eines anderen konfrontieren sollen, wir werden auch noch konfrontiert mit eigener Not und Schuld. Warum tun wir uns das an, hängen uns Kreuze um den Hals, sogar in unsere Häuser? Was soll dieser stille Feiertag Karfreitag? Es gibt immer mehr Widerstand dagegen. Heute eine Aktion vor dem Kölner Dom mit Tanz, um das Ruhegebot dieses Tages ad absurdum zu führen.

Karfreitage lassen sich nicht aus der Welt schaffen. Unverhofft, mitten an einem sonnigen Frühlingstag, kann uns Leid und Tod treffen. Und zu wem sollen wir dann gehen, wem unser Herzeleid klagen? Dem Mensch gewordenen Gott, der Leid und Tod auf sich genommen hat. Mit diesem Tod ist ein Riss durch die Welt, wie man sie kannte, gegangen: Der Tempelvorhang zerreißt, die Gräber tun sich auf, ein römischer Soldat erkennt im gekreuzigten Juden Gottes Sohn und Retter. Im Sterben ein Stück Auferstehung.

Am Karfreitag, mitten im Tod zeigt sich das Leben in Fülle. Denn die Folge dieses Todes ist das Leben. Unser Leben, Leben für uns, Leben vor und nach dem Tod. Wir sind Angehörige dieses Christus .Wir teilen sein Leben, so wie er sein Leben mit uns teilte. Darum feiern wir auch heute das Abendmahl. So wie Menschen nach Beerdigungen noch zum Essen zusammen sind. Wir schmecken und sehen die Freundlichkeit Gottes. Im Abendmahl feiern wir die Hoffnung, dass der Gekreuzigte und Auferstandene mitten unter uns ist. So verliert jeder Tod seine Macht.
Amen


Evangelische Domgemeinde Altenberg