Predigt im Altenberger Dom

Liebe Gemeinde, Friede sei mit uns und durch uns. Amen.

Ich erinnere mich, es war in den Siebzigern, kurz vor Weihnachten. Unsere Mutter war nicht zu Hause und wir kamen auf die Idee, uns auf die Suche nach den Weihnachtsgeschenken zu machen. Schließlich wurden wir hinten im Schlafzimmerschrank fündig: Eine Led Zeppelin-LP für meine Schwester und eine von Reinhard Mey für mich. Die anderen Päckchen und Tüten zu inspizieren, wagten wir dann doch nicht. Erst fanden wir es ja ganz toll, dass wir einige Weihnachtsgeheimnisse gelüftet hatten. Aber am Heiligen Abend mischte sich ein falscher Ton in unsere Begeisterung. Wir heuchelten Freude und hatten uns die Überraschung doch selbst zerstört. Ich habe diese komische Bescherung nie vergessen.

Geheimnisse gehören zu Weihnachten, wie das Amen in der Kirche. Jedenfalls so lange es Kinder in der Familie gibt. Mit zunehmendem Alter wird es immer weniger geheimnisvoll: da gibt es Geld, neue Winterreifen oder was sonst notwendig und nützlich ist zum Fest. In vielen Familien heißt es dann irgendwann: “Wir schenken uns nichts!“, und der ganze Zauber ist dahin. Auch das Weihnachtsfest muß sich dem Diktat der Nützlichkeit beugen. – Kindheit – Zeit der Geheimnisse und Wunder. Irgendwann ist die Kindheit vorbei und vorbei ist es auch mit allem, was geheimnisvoll und spannend war. Wir werden desillusioniert, vernünftig, realistisch. Als erstes müssen Weihnachtsmann und Christkind dran glauben und dann geht es weiter mit der Entzauberung. Schließlich bleiben noch Essen und Trinken übrig, vielleicht noch ein Zusammentreffen mit der Familie, aber auch das ist eigentlich schon zuviel.

„Weihnachten ist nur mit Kindern richtig schön!“, haben mir in den letzten Wochen etliche Erwachsene gesagt. Schwingt dabei die Sehnsucht mit, wieder selbst ein Kind werden zu dürfen? In die guten Erinnerungen der Kindheit eintauchen zu können? Welche Erinnerungen an Weihnachten versuchen Sie heute heraufzubeschwören? Viele von uns Großen haben Sehnsucht nach dem Geheimnis, nach einer Welt, in der nicht alles durchrationalisiert, entzaubert und vernünftig ist. Die Sinnsucheliteratur, der Pilgerboom, sind das nicht deutliche Zeichen dieses Sehnens? Nach einer Wirklichkeit jenseits von Google, Mediamarkt und Pflegestufen?

Warum sind Sie heute hier? Weil es schön ist, ja. Aber schön und festlich ist es auch zu Hause und Gott sei Dank ist niemand zum Kirchgang verpflichtet. Ich glaube, Sie sind heute hier, weil in Ihnen die Sehnsucht nach dem Geheimnis wach geworden ist.

Geheimnisse, liebe Festgemeinde. Heute Abend werden sie gelüftet. Zu einem guten Geheimnis gehört Vorfreude. Und Überraschung. Wir wissen, dass etwas kommt, aber noch nicht, was. Das Geheimnis darf nicht geheim bleiben, nicht auf Dauer. Endlose Spannung, immer nur Vorfreude, geht nicht. Wenn Weihnachten plötzlich auf Ostern verschoben würde, verlören wir unser Interesse daran. Ein Geheimnis darf sich auch nicht als Enttäuschung entpuppen; erst recht nicht als dunkles, schreckliches Geheimnis. Solche Geheimnisse gibt es. Sie können im Leben von Menschen zerstörerische Kraft entfalten und ein ganzes Leben überschatten. Ob Betrug, Gewalt, Missbrauch – nur die Wahrheit macht Menschen frei. Manche von Ihnen haben das erfahren müssen. Schwierige, schmerzhafte Prozesse sind das. Aber hoffentlich nicht zu Weihnachten.

Unsere Vorfreude soll sich gelohnt haben. Das hat nichts damit zu tun, wie viel die Geschenke kosten, wenn es welche gibt. Gerade teure Geschenke können enttäuschend sein. Freude lässt sich nicht einkaufen. Zu einem guten Geheimnis und einem guten Geschenk gehört Phantasie. Alles will gut überlegt und liebevoll vorbereitet sein. Was hinter den Geschenken steckt und Weihnachten zum Fest der Geheimnisse macht, drückt das Neue Testament, der 1.Timotheusbrief, so aus:

„Groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit."

Das Geheimnis hinter den Geheimnissen besteht in einer Person. Jesus von Nazareth, Wickelkind und Schmerzensmann. Dieses Kind macht Weihnachten schön. Gott hat sein Geheimnis gelüftet.

DAS Geheimnis des Glaubens ist: Gott wird Mensch.

DAS Geheimnis des Glaubens ist: der Schöpfer des Universums begegnet der Menschheit, in einem Neugeborenen. Ein kleiner Anfang, so wie wir alle unser irdisches Leben angefangen haben: zwischen 2500 und 3500 Gramm schwer, die Haut noch faltig und von Fruchtwasser feucht.

Das ist das große Wunder von Weihnachten. Das tiefste Geheimnis Gottes. Verborgen und aufgedeckt, ein offenes Geheimnis für die Welt. Mit dem analytischen Skalpell und mit unserer rationalistischen Welterfahrung ist ihm nicht beizukommen. Heute wollen wir Christen nicht Erwartungen befriedigen, sondern Geheimnisse feiern. An keinem Festtag ist das so wahr wie am Heiligen Abend.

Wir feiern Weihnachten, mit Singen, durch Beten, durch das Hören auf die biblischen Verheißungen. Wie damals die Hirten, finden auch wir Zweiflerinnen und Skeptiker, Menschen des entzauberten 21. Jahrhunderts, den Weg zur Krippe. Wir kommen mit allem, was uns belastet, was grau über unserem Leben liegt, mit unseren Sorgen um diese schöne Welt, kommen mit unserer Sehnsucht. Und Gott kommt uns entgegen, macht einen neuen Anfang mit uns, mit der Welt.

Lassen Sie sich doch von Gottes offenem Geheimnis anrühren. In seinem Licht wird vieles, was uns heute stresst und ärgert, unwichtig.

Am Anfang steht kein Wort. Am Anfang steht kein kritischer Diskurs. Am Anfang stehen keine verkaufsoffenen Sonntage.
Am Anfang steht der Lebensschrei des Krippenkindes. Ein wirklicher Mensch, klein, unscheinbar, verletzlich, geboren in einer abgelegenen Hütte eines sehr abgelegenen Dorfes in einer abgelegenen Provinz des riesigen römischen Imperiums. Das Göttliche unter den Menschen nimmt einen unscheinbaren, kaum zu bemerkenden Anfang.

Am Anfang der Mensch. Das ist das Geheimnis Gottes.

Und alles andere, was das Leben von Christen ausmacht, nimmt dort seinen Anfang: Dieses kleine Kind weckt Glauben. Es schafft Vertrauen. Es ermutigt, den Glauben auch weiterzugeben. An unsere Kinder, an die Müden und Traurigen. Dieses kleine Kind stärkt uns zur Liebe; unermüdlich macht es uns Hoffnung trotz mancher Verzweiflung und Mutlosigkeit. Dieses kleine Kind, so unwahrscheinlich sich das anhören mag, führt uns in die Herrlichkeit Gottes, in die Zukunft seines Reiches.

Am unscheinbaren Anfang steht ein Geheimnis. Am Anfang, in der Krippe von Bethlehem steht DAS Geheimnis Gottes. Der Himmel kommt zur Welt. Gott wird Mensch.

Amen