Predigt im Altenberger Dom – Sonntag, 3. Mai 2015

Predigttext 1. Könige, 17, 824

8 Da erging das Wort des Herrn an Elija:
9 Mach dich auf und geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und bleib dort! Ich habe dort einer Witwe befohlen, dich zu versorgen.
10 Er machte sich auf und ging nach Sarepta. Als er an das Stadttor kam, traf er dort eine Witwe, die Holz auflas. Er bat sie: Bring mir in einem Gefäß ein wenig Wasser zum Trinken!
11 Als sie wegging, um es zu holen, rief er ihr nach: Bring mir auch einen Bissen Brot mit!
12 Doch sie sagte: So wahr der Herr, dein Gott, lebt: Ich habe nichts mehr vorrätig als eine Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Ich lese hier ein paar Stücke Holz auf und gehe dann heim, um für mich und meinen Sohn etwas zuzubereiten. Das wollen wir noch essen und dann sterben.
13 Elija entgegnete ihr: Fürchte dich nicht! Geh heim und tu, was du gesagt hast. Nur mache zuerst für mich ein kleines Gebäck und bring es zu mir heraus! Danach kannst du für dich und deinen Sohn etwas zubereiten;
14 denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Der Mehltopf wird nicht leer werden und der Ölkrug nicht versiegen bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen auf den Erdboden sendet. 15 Sie ging und tat, was Elija gesagt hatte. So hatte sie mit ihm und ihrem Sohn viele Tage zu essen.
16 Der Mehltopf wurde nicht leer und der Ölkrug versiegte nicht, wie der Herr durch Elija versprochen hatte.
17 Nach einiger Zeit erkrankte der Sohn der Witwe, der das Haus gehörte. Die Krankheit verschlimmerte sich so, dass zuletzt kein Atem mehr in ihm war.
18 Da sagte sie zu Elija: Was habe ich mit dir zu schaffen, Mann Gottes? Du bist nur zu mir gekommen, um an meine Sünde zu erinnern und meinem Sohn den Tod zu bringen.
19 Er antwortete ihr: Gib mir deinen Sohn! Und er nahm ihn von ihrem Schoß, trug ihn in das Obergemach hinauf, in dem er wohnte, und legte ihn auf sein Bett.
20 Dann rief er zum Herrn und sagte: Herr, mein Gott, willst du denn auch über die Witwe, in deren Haus ich wohne, Unheil bringen und ihren Sohn sterben lassen?
21 Hierauf streckte er sich dreimal über den Knaben hin, rief zum Herrn und flehte: Herr, mein Gott, lass doch das Leben in diesen Knaben zurückkehren!
22 Der Herr erhörte das Gebet Elijas. Das Leben kehrte in den Knaben zurück und er lebte wieder auf.
23 Elija nahm ihn, brachte ihn vom Obergemach in das Haus hinab und gab ihn seiner Mutter zurück mit den Worten: Sieh, dein Sohn lebt.
24 Da sagte die Frau zu Elija: Jetzt weiß ich, dass du ein Mann Gottes bist und dass das Wort des Herrn wirklich in deinem Mund ist.


Liebe Gemeinde, Friede sei mit uns und durch uns. Amen.

Wir sind im AT, im 1. Buch der Könige, fast 3000 Jahre vor unserer Zeit. Der Sohn des berühmten Königs David, Salomo, hatte Gott einen wunderbaren Tempel gebaut. Nur dort sollte der Gott Israels, JHWH, angebetet werden. Ein Gott für sein auserwähltes Volk. Gott hatte mit Israel einen Bund geschlossen, auf ewig galt Gottes Versprechen, die Seinen zu behüten und zu bewahren. JHWH, das bedeutet ‚Ich bin mit dir‘ – so hatte Gott sich dem Mose am Sinai offenbart. Alle anderen Göttinnen und Götter sollten in Israel nicht mehr verehrt werden. Aber wie es immer ist, die strengen Regeln und Sitten werden mit der Zeit lockerer. In der Bibel heißt es, dass die ausländischen Ehefrauen des Königs ihn dazu brachten, zusätzliche Kultstätten einzurichten. So verlor der Glaube an den einen Gott in Israel seine einigende Kraft. Bedrohungen von außen, Kriege mit anderen Völkern und Streitigkeiten der Nachkommen Salomos führten schließlich zur Teilung des Königreiches. Könige und Königinnen kamen und gingen, das Reich verfiel immer mehr. Schließlich begann die Regentschaft des Königs Ahab und seiner Frau, Königin Isebel. Auch von ihm wird nichts Gutes berichtet: “Noch mehr als seine Vorgänger tat er, was Gott missfiel“ heißt es in der Bibel. Unter dem Einfluss seiner Frau, einer phönizischen Prinzessin, verehrte Ahab nicht mehr den einen Gott Israels, sondern wandte sich anderen Göttern zu. Baal, ein Gott des Gewitters, zuständig für Regen und Fruchtbarkeit, wurde nun im Königreich verehrt, seine Priester wurden vom Königshaus gefördert. Aber plötzlich gab es Widerstand. Ein Prophet trat auf: Elia aus Thisbe, Anwalt von JHWH, Vertreter des einen Gottes Israels. Das Drama Elia gegen Ahab und Isebel beginnt, ein Drama in mehreren Akten, über die auch an den kommenden Sonntagen gepredigt werden wird. Als erste Amtshandlung sagte der Prophet dem König eine große Trockenheit und Dürre voraus, als Gottes Strafe für das Fehlverhalten des Königshauses. Mit dieser Ansage hatte sich Elia unbeliebt gemacht, sehr unbeliebt. Deshalb floh er über den Jordan, denn Ahab und Isebel waren hinter ihm her.

Elia wird nicht groß eingeführt oder vorgestellt – er taucht auf wie aus dem Nichts. Deutlich wird aber sofort, dass Elia, entgegen dem Zeitgeist, am Bekenntnis zu Gott als dem wahren Gott Israels festhält: "So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe" – so leitet er seine Botschaft an Ahab ein und macht damit klar: Israel hat nur einen Gott, "den Gott Israels“, der sich dem Volk vorgestellt hat. Dieser Gott ist unwandelbar, treu, zuverlässig. Kein Regionalgott wie die übrigen Götter Kanaans, die für Fruchtbarkeit und Regen zuständig waren. Der Gott Israels ist und bleibt derselbe – ob bei der Berufung seines Volkes in Ägypten , beim Bundesschluss am Sinai oder im Alltag zur Zeit eines Ahab. Und Elia bekennt: Gott ist lebendig, keine Statue aus Holz oder Stein. Mit diesem Bekenntnis stellt sich Elia gegen Ahab und den Machtapparat seiner Zeit. Ein Schritt, der ihn den Kopf kosten kann.

Woher nimmt Elia den Mut? Er selbst gibt in seinen Worten an König Ahab den Schlüssel dazu: "So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe". Für Elia sind diese Aussagen über Gott nicht abstrakte Spinnerei. Er lebt mit Gott und steht vor ihm. Elia kennt Gott, er ahnt Gottes Willen und tut, was Gott von ihm will. Elia weiß auch, dass er Gott gegenüber verantwortlich ist. Er weiß, dass Gott sein Urteil über Elias Leben sprechen wird – und nicht Ahab oder Isebel. So ist Gott für ihn Anspruch und Zuspruch zugleich.

Elia kennt Gott – und deshalb vertraut er ihm. Seine desolate Situation, seine erbärmliche Versorgung mit schlammigem Wasser und den Aasresten von Rabenvögeln, er erträgt alles im Vertrauen auf den Gott, der verspricht: Ich bin mit dir. – Mir fällt meine Großmutter ein und deren Lebensmotto: Der Mensch kann viel ertragen. Ihr Ertragen und das Ertragen des Elias, beides getragen vom Glauben an einen Gott, der unser Ertragen trägt, weil er uns trägt.

Elia sitzt am Bach und muss zusehen, wie der Wasserspiegel sinkt, bis nur noch eine Pfütze übrig ist. Erst dann hört er Gottes Anweisung, die ihn allerdings von einer Unsicherheit zur nächsten schickt: In die Abhängigkeit von der Versorgung durch eine phönizische Witwe.


Auch hier wieder jede Menge Fragen: Waren es nicht die phönizischen Götzen, die mit Schuld waren am desolaten Zustand Israels? Wieso also gerade dorthin gehen? Und wie sollte eine Witwe, rechtlos und schutzlos, auch noch einen zusätzlichen Esser mit durchbringen können? Die meisten Witwen hatten ja selbst nichts zu beißen. Auch die Witwe hätte gute Gründe, diesen Propheten und seinen Gott in Frage zu stellen. Aber sie vertraut und wird nicht enttäuscht. Gott macht Elias Versprechen war: Tag für Tag findet sie genügend Mehl im Topf und Öl im Krug, damit ihr Haushalt auch diesen neuen Tag überstehen kann. Allerdings auch nicht mehr, als für den Tag erforderlich ist. Auch sie lebt ihr Leben im Vertrauen auf Gottes Fürsorge.

Aber dann passiert die Katastrophe: der einzige Sohn dieser Frau stirbt. Wenn ein Kind stirbt, dann gibt es keinen Ausdruck für den Schmerz der Eltern. Nicht nur die Gegenwart wird durch diesen Tod zerstört, auch die Zukunft.

Den Schmerz der Witwe auf sich nehmend, klagt Elia Gott an: „Willst du wirklich diese Frau ins Unglück stürzen?“ Auch in der Katastrophe ist Elia sicher, dass Gott hört und handeln kann. Mit Gott an seiner Seite klagt Elia Gott an! Er ist sicher, Gott wird Recht schaffen, deshalb darf dieser Sohn nicht im Tod bleiben! Denn sein Tod ist Unrecht und keine Strafe, das stellt Elia als guter Seelsorger fest. Bevor diese Frau ihren Sohn lebendig zurückbekommt, muss sie ihn aber loslassen: "Gib mir deinen Sohn!" verlangt Elia. Es wird ihr schwer gefallen sein, sich in ihrem Schmerz und Verlust vom Leichnam ihres geliebten Kindes zu trennen, so wie Angehörige sich oft schwer tun, ihre Verstorbenen herzugeben. Aber auch hier liegt der Schlüssel zum Empfangen im Loslassen. Indem sie losließ, was nicht zum Leben gereicht hätte, bekam sie ihr tägliches Brot. Indem sie nun loslässt, was für den Tod bestimmt ist, empfängt sie ihr Kind lebendig zum zweiten Mal! Und nicht nur das – sie versteht, wer der Gott ist, auf den Elia sich verlässt: Der Barmherzige „Ich bin mit dir."

Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich nicht in Bedauern und Mitleid, sondern vor allem darin, dass das Mitleid zur Tat wird, indem Elia die Rechtssicherheit und die soziale Sicherheit der Witwe durch die Auferweckung ihres Sohnes wieder herstellt. Die Barmherzigkeit Gottes ist nach biblischem Verständnis Herstellung von Gerechtigkeit und Rechtssicherheit. Mitleid zu haben ist gut und schön, Mitleid mit den Flüchtlingen, den Menschen in Nepal, den Armen. Aber Gott erwartet von uns, dass wir aus unserem mitleidigen Herzen heraus uns für Recht und Gerechtigkeit einsetzen. Wenn Gott sich uns zuwendet, erfahren wir immer den Wandel vom Tod zum Leben, von Trauer zum Trost, von Hass zu Liebe, von Unglück zu Glück.

Eugen Drewermann schreibt: Die wirklichen Wunder ereignen sich selten spektakulär. Sie antworten auf Tragödien des Alltags, sie heilen die Wunden in unserem so unauffälligen Leben. Die schönsten Wunder sind die kleinen Geschichten unserer Freiheit, die erkämpft wird wie ein Tod und die gelebt wird wie eine Auferstehung unter den Händen Gottes, der will, dass wir „wir selber“ sind. Der Tod als die lebensverneinende Kraft, ist ständiger Begleiter unseres Lebens. Er ist die Kraft, die uns hinunterzieht, die unsere Kräfte auszehrt, die uns depressiv und traurig machen kann, die Kraft, die begleitet wird von Krankheit und Lebensüberdruss und Verzweiflung.

Aber wenn Gott sich uns zuwendet, ändert sich alles. Da kann das Leben den Tod besiegen. Wird Auferstehung möglich und wirklich, wird sie zur Realität unseres Lebens. Das biblische Reden von der Auferstehung zu neuem Leben ist kein Vertrösten auf ein besseres Leben nach dem Tod. Auferstehung geschieht auch schon gegenwärtig, wenn wir uns in unseren vielen kleinen Toden an Gott wenden und ihn um Hilfe und Lebenskraft bitten, und wenn wir durch unser Gebet neuen Lebensmut bekommen. Dann geschieht das Wunder, von dem wir heute erfahren: Fürsorge statt Mangel, Leben statt Tod.

Amen


Evangelische Domgemeinde Altenberg