Predigt im Altenberger Dom – Sonntag Lätare
Feier zum 20jährigen Bestehen des Martin-Luther-Hauses


Liebe Schwestern und Brüder, Friede sei mit uns. Amen.

Als am 13.8.1857 der erste evangelische Gottesdienst im Altenberger Dom gefeiert wurde, konnte kein Mensch ahnen, wie sich die Geschichte der evangelischen Christen hier am Ort entwickeln würde. Es gab ja nur wenige evangelische Familien, die meistens zu Fuß zum Gottesdienst kamen. Aber schon bald war klar, dass es neben der Kirche auch noch andere Räume brauchte, als Unterkunft für den aus Schlebusch anreisenden Pfarrer und zur Zusammenkunft der Gemeinde.

So wurde 1869 das Flormannsche Gut erworben. Der Saal in diesem Gebäude diente als Versammlungsstätte und Unterrichtsraum, die unteren Räume wurden verpachtet. Unter den vielen Pächtern gab es auch einen Bäckermeister namens Heiland, so dass der schöne Satz kursierte. „Oben die Evangelischen und unten der Heiland!“

Nach dem 2. Weltkrieg sah sich die Altenberger Gemeinde mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. Protestantische Flüchtlinge aus dem Osten ließen die Gemeinde schlagartig um fast 1000 Personen wachsen. Am 1.April 1950 wurde die evangelische Kirchengemeinde Altenberg selbstständig, 1951 bekam sie ihren ersten eigenen Pfarrer (Pfarrer Hage) und das Pfarrhaus am Rösberg, 1953 ihren ersten Kirchenmusiker Kantor Eschen.

Das Flormannsche Haus musste wegen Baufälligkeit abgebrochen werden und an dieser Stelle entstand ab1960 das Christophorus-Haus. Mehr als 30 Jahre diente es als Gemeinde- und Tagungshaus; ich selbst habe hier in den 70ern an einer Tagung für Mitarbeitende im Kindergottesdienst teilgenommen. 1979 wurde Pfarrer Kurth als neuer Pfarrer von Altenberg in sein Amt eingeführt. Seine letzte Amtshandlung war im März 1995, also vor genau 20 Jahren, die Einweihung unseres Martin Luther Hauses.

Liebe Gemeinde, wir haben gerade eine Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja gehört:
„Der Fremde, der sich dem Herrn zugewandt hat, soll nicht sagen: Der Herr wird mich getrennt halten von seinem Volk. Denn so spricht Gott: Denen die an meinem Bund festhalten, denen will ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben. … Denn mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker.“

Denen will ich in meinem Haus ein Denkmal und einen Namen geben. Der Altenberger Dom ist unser geistliches Zuhause, unsere Kirche, der Ort des Gottesdienstes. Hier dienen wir Gott mit unserem Hören, Singen und Beten. Und Gott dient uns in seinem Wort und Sakrament, in Taufe und Abendmahl. Auch wenn es für manchen Katholiken nicht so leicht zu akzeptieren war, ist es aber wohl doch so, dass Gott uns an diesem Ort und in dieser Kirche zusammen haben will. Wir leben zwar in einer Gegenwart, in der die Unterschiedlichkeit und die Individualität immer stärker ausdifferenziert werden, im Altenberger Dom aber soll im Gegensatz zu den aktuellen Trends das Gemeinsame und Verbindende stark gemacht und öffentlich werden. Ich glaube, die ökumenischen Möglichkeiten Altenbergs sind noch lange nicht ausgereizt.


Wenn wir gemeinsam in versöhnter Verschiedenheit hier in Altenberg Gott die Ehre geben, hat das Konsequenzen. Eine davon ist die gemeinsame Verantwortung für Flüchtlinge, bis hin zum Kirchenasyl. Wir erfinden aber nichts Neues, sondern knüpfen an die alte klösterliche Tradition an, die sich in dem Gruß ausdrückt: „Porta patet, cor magis“ – Die Tür ist offen, mehr noch das Herz.

Die Flüchtlinge, die nach dem Krieg ins Rheinland kamen, hatten alles verloren, ihre Heimat, ihr Ansehen, viele auch ihre Gesundheit. Sie haben sich in der Fremde mit großem Fleiß wieder ein Zuhause geschaffen, eine neue Heimat.
Die Jahrestagung der Evangelischen Bundeswehrseelsorger in der vergangenen Woche hat auch über Heimat und Beheimatung als Aufgabe der Seelsorge beraten und hier im Dom einen großen Gottesdienst gefeiert.

Die Menschen aus dem Osten Deutschlands, der heute zu Polen und Russland gehört, fanden hier einen Ort, an dem sie ihren Glauben und ihre Traditionen feiern konnten, ein Gotteshaus, in dem das Bekennen von Schuld, Vergebung und Lob zusammenklingen.

Aber die große Gemeinde brauchte nicht nur einen Ort der Anbetung, sondern auch ein Zuhause. Zuerst das Christophorus-Haus, dessen Name Programm war. So wie der Christophorus der Heiligenlegende als Schutzpatron der Reisenden und Wallfahrer gilt, so sollte das Gemeindehaus denen, die aus anderen Heimaten hierher kamen, eine geistliche und gastfreundliche Heimat sein. Und das ist es in den 30 Jahren seines Bestehens auch geworden, ein Ort, an dem die evangelische Gemeinde zu sich selbst kam, ihr Profil entwickelte und sich mehr und mehr als Teil des Altenberger geistlichen Lebens entwickelte.

Mit neuem Selbstbewusstsein und orientiert an den Bedingungen eines zeitgemäßen Gemeindelebens wurde dann das Martin-Luther-Haus gebaut. Auch dieser Name war Programm. Mein Amtsvorgänger hätte das Haus lieber nach Luthers Frau Katharina von Bora benannt, aber Martin Luther als Namensträger sollte das unterstreichen, was für unsere Gemeinde bis heute Programm ist: evangelisch profiliert, aber ökumenisch aufgeschlossen wollen wir unseren Glauben leben. Und die Gastfreundlichkeit aus der Tradition der Zisterzienser darüber nicht vergessen.

Unser MLH hat in den vergangenen 20 Jahren „einen guten Job“ gemacht. Es hat unsere Gemeinde zusammengehalten und gleichzeitig die Türen für die Menschen der Region geöffnet. Unsere eigenen Feierlichkeiten, wie die Reformationsfeier des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region im Oktober und der Besuch des Kardinals bei der Tagung Katholischer Unternehmer im April – Kardinal Woelki zu Besuch bei Martin Luther, auch schön – all das kann und soll im MLH stattfinden.

Fast 600 Konfirmanden hatten bis heute ihren Unterricht im MLH, über 3000 Chorproben, darin auch Proben der Chöre aus katholischen Gemeinden, wurden gehalten, 5000 Zusammenkünfte der verschiedenen Gruppen und Kreise und ca. 600 private Feiern hat unser Haus beherbergt. Und ein Ende ist, Gott sei Dank, nicht abzusehen. Mit Gottes Hilfe haben wir uns an diesem Ort einen Namen geben und einen Namen machen dürfen. Mit Gottes Segen wird uns das auch in den nächsten 20 Jahren gelingen.

Amen


Evangelische Domgemeinde Altenberg