Predigt im Altenberger Dom

Predigttext Matth. 14, 22-33

22 Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe.
23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein.
24 Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.
25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer.
26 Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.
27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!
28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.
29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.
30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich!
31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
32 Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich.
33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

Arsch huh – Zäng ussenander!

Liebe Gemeinde,
alle Zeichen stehen auf Sturm. Der Wind hat gedreht und weht scharf von Westen. Mit Erstaunen blickt die bröckelnde internationale Gemeinschaft auf die Amtsantrittsaktionen des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Eine Woche ist seit seiner Vereidigung vergangen. Zum Erstaunen und Entsetzen aller, die sich als Teil einer aufgeklärten Welt sehen, hält Donald Trump seine werte- und menschenverachtenden Wahlversprechen ein. Amerika first! Das sind bedrohlich klingende Worte.

Liebe Gemeinde,
Worte, wie Mein Land zuerst! kennen wir. Sie gehören zu unserer Vergangenheit, derer wir uns heute Morgen erinnern. Sie gehören aber auch zu unserer Gegenwart. Die Frage ist: Lassen wir sie auch zu unserer Zukunft werden? Unser Blick schweift über den Atlantik und wir erkennen die Tendenzen des Rechtspopulismus und seine fatalen Folgen: Mauerbau und Einreiseverbot, Beschränkung der Meinungs- und Religionsfreiheit und Ausbau der Waffenbesitzrechte.

Aber ist das ein allein amerikanisches Phänomen? Bemerken wir solche Tendenzen nicht längst auch bei uns? Der berühmte Ruck, von dem Roman Herzog einst wünschte, er möge durch Deutschland gehen. Er geht. Und das politische Spektrum ruckt bedrohlich nach rechts. So hatte sich das unser Altbundespräsident sicher nicht gedacht. Fortschritt und Gedenken, ankommen im 21. Jahrhundert, das waren seine Ziele, nicht Volksverhetzung und Parolen brüllen.

Liebe Gemeinde,
heute Morgen gedenken wir der Opfer der Shoah, des Holocaust. Shoah – das wissen Sie – bedeutet nichts anders als ein kaum in Worte zu fassendes Unheil bzw. eine kaum in Worte zu fassende Katastrophe. Wir gedenken heute Morgen der Millionen getöteter Geschwister jüdischen Glaubens. Wir gedenken all derer, die aus reiner Menschenverachtung und blutigem Ehrgeiz vertrieben und vernichtet wurden. Wir gedenken all derer, die getötet wurden, weil man ihr Leben für zu gering und nicht wertig genug erachtete und weil man vergaß oder vergessen wollte, dass Gott jedes seiner Geschöpfe liebt. Verdammt lang her!, mag man denken. Und: Nie wieder! Aber so lange ist es eigentlich gar nicht her und doch gerät das Nie wieder! in Vergessenheit. Es kann und es wird wieder geschehen. Sehen Sie über, sehen Sie auf das Meer hinaus! Kein Schrecken gleicht dem anderen, nein. Aber es kommen Schrecken und stürmische Zeiten auf uns zu.

Liebe Gemeinde,
in den letzten Tagen und Wochen war die Frage nach der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Europa ein medial präsentes Thema. In vielfältiger Weise wurde beispielsweise wieder und wieder über das Holocaust-Mahnmal in Berlin gesprochen, nachdem es furchterregend und politisch-berechnend instrumentalisiert worden war.

Daneben stieß das Kunstprojekt eines Israelis auf heftige Kritik. Unter dem Titel Yolocaust machte es die Runde im Netz. Hier konnte man Fotos fröhlicher, junger Menschen am Holocaust-Mahnmal sehen, verknüpft mit schwarz-weißen Bildern von Leichenbergen aus den Lagern der Nationalsozialisten. Inzwischen ist die Aktion vom Netz genommen, zu viel Kummer gab es ihretwegen. Die Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Shoah, die seit 1996 am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz begangen werden, wurden durch diesen, auf Aufmerksamkeit bedachten und Schlagzeilen fordernden Trouble, massiv gestört. Gefühle wurden verletzt. Und wie ein erstarkender Wind steht die Frage im Raum, ob es wieder losgeht: Das Unrecht. Ob sie sich wieder ausbreitet: Die Dunkelheit. Und manch einer blickt ängstlich in die Zukunft.

Auf der einen Seite skandiert es laut: Es ist genug, wir wollen davon nichts mehr hören! Und auf der anderen Seite: Es ist nie genug. Nichts darf vergessen werden. Es muss den Menschen immer vor Augen stehen, welches Unrecht Deutschland beherrschte und noch immer beherrschen kann. Hinter beiden Rufen steht die Frage, wie mit der Erinnerung umzugehen ist. Und beide Rufe stören in diesen Tagen und Wochen die angemessene Erinnerung. Diese Rufe vergessen nämlich, dass überall in der Welt Kaddisch gesagt wird. Es wird Kaddisch gesagt, über die, die aus niederen Beweggründen in den Tod geschickt wurden und vor unseren Küsten ebenfalls aus niederen Beweggründen in den Tod geschickt werden. Kaddisch bedeutet Totengedenken. Und gleichzeitig bedeutet es, Gott dafür Dank zu sagen, dass er diese geschundenen Seelen bei sich aufnimmt. Es ist ein Gezerre und Gezeter um die Vergangenheit im Gange, die übersieht, dass die Gegenwart droht, eine stürmische Zukunft zu werden, wenn wir nicht gut rheinisch mit BAP fragen und sagen:

Wie wöhr et, wemmer selver jet däät,
wemmer die Zäng ens ussenander kräät?
Wenn mir dä Arsch nit huhkrieje,
ess et eines Daachs zo spät.

Liebe Gemeinde,
mitten in diese Überlegungen hinein schickt Jesus im Evangelium für den heutigen 4. Sonntag nach Epiphanias seine Jünger. Jesus traut den Jüngern etwas zu. Sie sollen schon einmal vorgehen. Er traut ihnen zu, dass sie das Schiff, dass sie sein Schiff, schon schaukeln. Er traut ihnen zu, bei ruhiger und bei stürmischer See das Ruder fest in der Hand und die Segel unter Kontrolle zu halten. Er selbst zieht sich zum Gebet zurück. Er ist erschöpft. Seine Jünger, allen voran Petrus, wissen, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist. Er kann sie vorausgehen lassen. Was wir im Predigttext zu hören bekommen, ist ein Vorgeschmack auf Ostern. Ein Vorgeschmack auf das Ich bin nicht mehr unter euch und doch stets bei euch, ihr müsst nur Vertrauen haben und glauben. Das Problem ist: Die Jünger, denen Jesus so viel zutraut, sind noch nicht soweit. Sie fühlen sich selbst noch nicht bereit, das Schiff alleine zu schaukeln und geraten in Seenot. Sie haben Angst vor der eigenen Courage. Es droht das Scheitern. Sie bekommen den Hintern nicht hoch. Aber immerhin bekommen sie die Zähne auseinander, den Mund auf und rufen um Hilfe. Und: Hilfe kommt.

Liebe Gemeinde,
Eva Kreft hat eben für uns das Lied Unser Städtchen brennt gesungen. Ein Aufruf ist im Lied enthalten: Steht nicht einfach nur da und seht zu. Tut etwas. Denn: Hilfe ist nur in euch allein zu finden. Unser Predigttext ruft zu etwas ganz Ähnlichem auf. Jesus erwartet von seinen Jüngern, dass sie couragiert und engagiert das Schiff, sein Schiff, schaukeln. Er hofft, ihnen bereits genug Gott- und Selbstvertrauen vermittelt zu haben, dass er sie alleine mit der Aufgabe lassen kann. Hilfe ist nur in euch allein zu finden, vertraut auf Gott, hört in euch hinein, er wird euch den Weg weisen!, könnte Jesus gesagt haben. Die Jünger aber stehen da und sehen das Unheil kommen. Sie sind vor Angst wie gelähmt und können nur um Hilfe rufen. Und: Hilfe kommt.

Liebe Gemeinde,
wie schwer das ist, selber zu handeln, engagiert und couragiert aktiv zu werden. Mit gesundem Menschenverstand und fleißigen Händen. Im Vertrauen auf Gott, auf seinen schützenden Segen, für eine Überzeugung einzustehen. Das wissen wir alle, die wir heute Morgen hier sind. Im Falle der Jünger Jesu ist die Überzeugung davon, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist, dass Gott die seinen aus Liebe schützt und rettet, noch ganz frisch und neu und kann ganz leicht ins Wanken geraten. Da ist nichts mehr los mit in sich hineinhören und bei sich selbst Hilfe finden. Da hinein sagt Jesus: Seid getrost, ich bin’s, fürchtet euch nicht! Dann stillt er den Sturm und bleibt. Ostern ist eben doch noch nicht. Aber fast. Die Jünger hängen an Jesus. Sie brauchen ihn. Er muss sie noch auf den richtigen Weg führen. Noch eine ganze Weile wird er sie begleiten. Ostern wird die Jünger Jesu erschüttern. Aber Ostern wird es ihnen auch möglich machen, in ihrer Sprache von ihrem Glauben zu erzählen und Hoffnung und Liebe in die Welt zu tragen.

Im Lied Unser Städtchen brennt dagegen geraten ganz alte und unerschütterliche Überzeugungen, dass Gott die seinen aus Liebe schützt und rettet, ins Wanken. Da ist auch nicht mehr viel los mit in sich hineinhören und bei sich selbst Hilfe finden. Die Bewohner des Städtchens haben das Pogrom mutmaßlich mehrheitlich nicht überlebt. Hier kam jede Hilfe zu spät. Aber ihre Geschichte mahnt, wie die Geschichte der vielen zu Unrecht zu Tode gequälten Gotteskinder, bis heute zu einem hoffnungs- und liebevollen Umgang miteinander. Sie mahnt uns, aufzustehen, gegen rechts zu stehen und die Arme auszubreiten, um Fremde und Vertriebene zu Freunden und Aufgenommenen zu machen.

Liebe Gemeinde,
in alle dem steckt eine ganz einfache Botschaft: Es kommt nur darauf an, etwas zu tun. Und nicht nur irgendetwas, sondern das Richtige. Schwer genug, wenn Sie mich fragen. Arsch huh, Zäng ussenander! Denn: „Respektlosigkeit lädt“, wie die Schauspielerin Meryl Streep unerschrocken sagte, „zu Respektlosigkeit ein und Gewalt animiert zu Gewalt. Und wenn die Mächtigen ihre Position benutzen, um andere zu tyrannisieren, dann verlieren wir alle.“ Und das heißt für uns, liebe Gemeinde: Aufstehen und stehen bleiben. Sich gemeinsam und gegenseitig versichern: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Ich bin’s. Lasst uns das das im Hinterkopf und im Herzen behalten. Es macht das Erinnern leichter und den Blick in die Zukunft jenseits und diesseits des Atlantiks weit weniger trübe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen


Evangelische Domgemeinde Altenberg