Predigt im Altenberger Dom


Liebe Gemeinde am Heiligen Abend, der Friede, von dem die Engel singen,
sei mit uns allen. Amen


Auch in diesem Jahr hat Monsignore Börsch uns wieder das Weihnachtsevangelium gelesen. Herzlichen Dank für dieses alljährliche Zeichen der Ökumene und guten Nachbarschaft hier im Dom.

Vertraute wunderbare Worte, eine uralte Geschichte, den meisten seit frühester Kindheit bekannt, wie die Melodie eines Wiegenliedes. Oder wie die Ouvertüre in der Oper – und dann hebt sich der Vorhang und das Geschehen nimmt seinen Lauf. Bei Geschichten, die man in und auswendig kennt, muss trotzdem jedes Wort stimmen, denn jedes Wort ist gleich wichtig. Schon als Kinder haben wir darauf bestanden, dass das Märchen vom Rotkäppchen immer genau gleich vorgelesen wurde. Änderungen oder gar Modernisierungen wurden nicht akzeptiert. Kinder sind eben konservativ, sie möchten, dass alles bleibt wie immer. In unsere Kinderherzen und -seelen spricht heute am Heiligen Abend wieder das Weihnachtsevangelium. Alle Jahre wieder hören wir die altbekannten Worte, erfahren vom Krippenkind und seiner Mutter, den Tieren im Stall, vom Stern, Engeln und Hirten. Alle Mitwirkenden, alle Worte der Weihnachtsgeschichte sind wichtig.

Wörter haben Folgen. Im Johannesevangelium heißt es zu Beginn: Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Auch die Schöpfung beginnt mit einem göttlichen Sprechakt: Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht. Wenn Gott spricht, beginnen Welten ihren Lauf. Wörter haben Folgen. Ein Ja kann Dein Leben verändern, aber auch ein Nein, wir wissen das. Mancher Politiker ist schon über das falsche Wort gestolpert. Und nichts fürchten die Diktatoren der Welt mehr als das freie Wort, die freie Presse. Ich fand die Verunglimpfungen der sogenannten „Lügenpresse“ immer besonders widerwärtig und kann die wohlfeile Presseschelte nicht hören. Wir würden uns umgucken, wenn – wie gerade in der Türkei geschehen – kritischen Journalisten/innen von jetzt auf gleich der Mund verboten würde. Das freie Wort gehört untrennbar zu einer freien demokratischen Gesellschaft.

Wörter haben Folgen. Liebe Festgemeinde, im Weihnachtsevangelium gibt es aber ein Wort, das wichtiger ist als alle anderen. Das war schon Martin Luther aufgefallen. Mit seiner Bibelübersetzung ins Deutsche hat er uns ja gemeinsame Worte geschenkt, den deutschen Sprachschatz. Vielleicht war das sein wichtigstes Verdienst – neben der reformatorischen Erkenntnis, dass jeder Mensch als Individuum seine Gottesbeziehung lebt – von Gott auch in seiner Individualität gesehen und als Mängelwesen dennoch geliebt wird. Das für Luther wichtigste Wort in der Weihnachtsgeschichte ist das kleine Wörtchen: „Euch". Der Engel sagt es zunächst den Hirten und mit den Hirten auch uns heute: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren!" Dreimal taucht es auf, das wichtige „Euch". Und die Hirten trauen dieser Botschaft und gehen los nach Bethlehem, das Kind zu sehen, das auch für sie geboren wurde.

Das Euch sei das wichtigste Wort in der Weihnachtsgeschichte, sagt Luther.


Und er meint damit, dass man die Geschichte von der Geburt im Bethlehemer Stall vielleicht anrührend oder lehrreich finden kann. Ohne sie können wir eigentlich nicht Weihnachten feiern, aber man kann trotzdem das Wichtigste an ihr übersehen: das „Euch ist heute der Heiland geboren". Dir und mir – heute. Und in seiner drastischen Sprache fügt Luther hinzu: Selbst der Teufel könnte glauben, dass Christus in der Krippe zu Bethlehem gelegen hätte. Aber er würde eben nicht glauben, dass das für ihn – ihm zugute – geschehen sei.

Euch ist heute der Heiland geboren – dir und mir. Brauche ich einen Heiland, einen göttlichen Retter? Habe ich mein Leben nicht selbst im Griff? Hast du dein Leben, haben wir unser Leben „im Griff"? Ja und Nein, natürlich haben wir unser Leben ganz gut im Griff. Aber im Angesicht des Terrors, der seine blutige Spur jetzt bis nach Berlin gezogen hat, spüren wir Unbehagen. Wir müssen zugeben: Nein, wir haben nicht alles im Griff, nicht unser eigenes Leben und auch nicht das Leben derer, die uns anvertraut sind. Und auch im politischen Leben ist es nur ein frommer Wunsch, alles im Griff und unter Kontrolle haben zu wollen. Natürlich treten jetzt wieder die mit den Patentrezepten auf. Die, die es schon immer gewusst oder immer gesagt haben. Aber täuschen wir uns nicht: auch die Populisten haben nicht alles im Griff, die tun nur so. Oder anders: in deren Würgegriff stirbt unsere freie Gesellschaft. „Fürchtet euch nicht", spricht der Engel zu den Hirten, „denn euch ist heute der Heiland geboren". Euch, uns, mir und dir zugute. Brauchen wir einen Heiland? Brauchen wir etwa keinen Heiland?

Das Kind in der Krippe kommt in eine Welt, in der es viele Gründe gibt, sich zu fürchten. Ein schlimmes, schweres Jahr liegt fast hinter uns: Krieg, Tod und Terror, Aleppo, Nizza, Berlin. Aber jedes Jahr bringt das Krippenkind denen, die es hören wollen, die Botschaft der Hoffnung: Gott ist da, die große gute Kraft, hineingeboren in diese hoch problematische Welt. Immer noch da. Es lohnt sich zu glauben, zu hoffen und zu lieben, im Kleinen oder Großen für diese Welt und ihre Zukunft zu kämpfen.

Das Kind in der Krippe wird jedes Jahr geboren, für uns, wächst heran, stirbt am Kreuz und überwindet den Tod für uns.

Das Kind in der Krippe kommt zu dir, jetzt in dieser Stunde. Das „Euch" ist das wichtigste Wort in der Weihnachtsgeschichte. In unseren Liedern und Gebeten kommt es zu dir. Es will nicht nur im Stall von Bethlehem wohnen, sondern auch in deinem Herzen, dort, wo sich Angst und Sorge ausgebreitet haben mit den vielen Fragen, wie alles werden wird, in unserem Land und unserer Welt. Dort will es wohnen, deine Sorgen zurechtrücken. Einen Raum schaffen für Vertrauen und den Glauben, dass Gottes Liebe größer ist als du ahnst.

„Euch", uns ist heute der Heiland geboren, Jesus Christus. Dir und mir. Deshalb können wir verändert von dieser Krippe weggehen, so wie damals die Hirten: mit einem Loblied für Gott auf den Lippen, überreich beschenkt von Gott noch vor unserer Bescherung zu Hause.

Amen

Evangelische Domgemeinde Altenberg