Predigt im Altenberger Dom – Sonntag, 7. Juni 2015

Predigttext Lukas 16, 19-31

19 Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte.
20 Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war.
21 Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.
22 Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben.
23 In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß.
24 Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.
25 Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden.
26 Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.
27 Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters!
28 Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen.
29 Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören.
30 Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren.
31 Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

Liebe Gemeinde, Friede sei mit uns und durch uns. Amen

In den letzten Tagen auf dem Kirchentag in Stuttgart, ab heute beim G-7-Gipfel in Elmau, geht es um Recht und Unrecht, Krieg und Frieden, um Armut und Reichtum.
Passend dazu hören wir heute Morgen hier die Geschichte vom reichen Mann und vom armen Lazarus. Starke Kost für schwache Seelen. Eine Geschichte vom Sehen und vom Übersehen, von Ungerechtigkeit und Konsequenz – und von einem Evangelium, das glücklicherweise weiter und tiefer reicht, als wir begreifen.

Wir haben im letzten halben Jahr Weihnachten und Ostern und Pfingsten gefeiert. Wir waren Zuhörer und Zuschauer. Wir sind Jesus gefolgt im Heiligen Land. Wir haben seine ganze Geschichte gehört von der Krippe bis zum Kreuz. Wir haben die Scham der Jünger darüber erlebt, dass sie ihn verlassen hatten, ihre Trauer über den Verlust und ihre Verblüffung über das Geschehen am Ostermorgen. Wir haben Jesu Fußabdrücke auf dem Ölberg gesehen, als er gen Himmel fuhr. Wir haben gehört, wie er danach in einer neuen Weise wieder in die Welt kam, als Heiliger Geist, sodass die Jünger Jesu Mut und Kraft bekamen, Jesu Worte und Taten hinaus in die Welt zu tragen. Und das taten sie. Die Geschichte ist von Mund zu Ohr gegangen, sodass sie endlich auch zu uns hier in den Altenberger Dom gelangt ist.

Wir haben ein halbes Jahr lang von Advent bis Trinitatis zugehört, in der Lebensschule Jesu. Nun wechselt das Bild. Nun richtet Jesus die Sommersonne wie einen Scheinwerfer auf uns. Von heute an und bis zum kommenden Advent stehen wir und unser Leben in Gemeinschaft im Mittelpunkt. Er fragt uns: Ist das Christentum nur ein Teil eurer Tradition? Sind eure Kirchen nur schöne Kulturdenkmäler? Ist die Bibel nur ein Buch, das im Regal liegen bleiben soll? Oder ist noch Leben in dieser Körperschaft des öffentlichen Rechts? Bedeutet es etwas für uns, dass Jesus starb und von den Toten auferstand? Weht sein Geist noch? Diese Fragen werden uns in den Kirchen der ganzen Welt in den nächsten sechs Monaten durch die Trinitatiszeit verfolgen. Die Farbe der Trinitatiszeit ist grün. Grün ist die Farbe der Hoffnung, denn Gott lebt in der Hoffnung, dass das Evangelium uns so auf den Leib rückt, dass es Liebe in unseren Herzen entflammt und Mut verleiht, etwas zu tun.

Grün ist auch die Farbe des Wachstums. Auch als erwachsene Menschen haben wir die Chance zu wachsen, zu reifen und Frucht zu tragen, zum Wohl und zur Freude für andere.

Dazu haben wir die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus gehört. Der reiche Mann hat mehr als reichlich, er spiegelt sich in den bewundernden Blicken der anderen. Dem Armen fehlt alles. Keiner sieht ihn außer den Hunden, die kommen, um seine Wunden zu lecken.

So waren die Güter dieser Welt zur Zeit Jesu verteilt. Wie sieht es heute aus? Nicht anders. Es gibt Millionen von Menschen, die vor die Hunde gehen, während wir anderen mehr als genug zum Leben haben.

Die Ungerechtigkeit erhält in der Erzählung Jesu noch eine Zuspitzung. Denn zu der Ungerechtigkeit kommt, dass der reiche Mann den Armen überhaupt nicht bemerkt. Wie konnte er nur so blind sein? Fragen wir, während wir zugleich in unserer morgendlichen Zeitung schnell die Notiz überblättern, dass noch ein Schiff mit Boots-Flüchtlingen im Mittelmeer untergegangen ist und noch einige hundert unglückliche Menschen ertrunken sind .

In unserer Welt sind es die Einflussreichen, die Trendsetter und Provokateure, die einen Namen haben. Von ihnen kann man in der Zeitung lesen, wobei etliche von denen auch viel Gutes getan haben, wie z.B. Alfred Neven-Dumont. Aber wenn Jesus Geschichten erzählt, werden ganz andere Leute hervorgehoben. Andere, deren Namen und Schicksale dann in Erinnerung bleiben. In der Geschichte hier ist der reiche Mann anonym, aber der Arme hat einen Namen, Lazarus. Es mag sein, dass er von Menschen übersehen ist, aber er wird von Gott gesehen, und jetzt von uns. Das war der erste Teil der Geschichte.



Im zweiten Teil zeigt uns Jesus die umgekehrte Welt. Nun nach dem Tode sind die Rollen vertauscht. Der arme Lazarus, der im Straßenstaub starb, erhält den Ehrenplatz beim Stammvater Abraham. Während der reiche Mann am eigenen Leib fühlen muss, wofür er keinen Blick hatte, als er lebte: Was es heißt, Durst und Mangel zu leiden. Aber auch nach dem Tod denkt der anonyme reiche Mann noch immer nur an sich, und immer noch sieht er in Lazarus nur ein Wesen, dass ihm zu dienen hat. Er ist nicht viel klüger geworden. Aber wir sollten klüger werden. Denn Jesus gibt uns mit der Erzählung einen ordentlichen Tritt in den Hintern. Er sagt: Öffnet die Augen! So sieht die Welt aus. Da sind viele, denen es ganz schlecht geht, da sind große Ungerechtigkeiten, die wir ändern müssen. Jesus zeigt uns einen der Benachteiligten und Übersehenen dieser Welt und sagt: Hier habt ihr Lazarus. Der Name Lazarus bedeutet: „Gott hilft“, und die Geschichte hier zeigt, wie Gott einen Blick für ihn hat und ihn an der Hand nimmt. Aber im Alltag, sagt Jesus, will Gott mit euren Händen helfen. Macht euch an die Arbeit!

Es kann schwer sein, den Optimismus und den Glauben an eine bessere Welt zu bewahren. Es ist viel leichter zu sagen: Was kann ich kleiner Mensch angesichts all dieser Krankheiten und Unglücke und Kriege und Ungerechtigkeiten tun? Oder zu denken und zu sagen, dass unser Land sich lieber abschotten soll vor all dem Elend und all den Flüchtlingen.

Aber wenn wir hier in der Kirche versammelt sind, dann um eben nicht in Mutlosigkeit und Zynismus zu versinken. Sondern um uns daran erinnern zu lassen, dass alles Leben nicht unser Eigentum ist, sondern Gott gehört. Und Gott hat nicht nur uns geschaffen, sondern die Welt mit ihren Menschen, von denen jede/r einzigartig, unersetzbar und geliebt ist. Der reiche Mann dachte zunächst nur an sich selbst und danach an seine Brüder.

Wo sind wir in diesem Gleichnis? Was, wenn wir uns etwas zu sehr in der Person des Reichen wiederkennen könnten? Sind wir dann verloren? Enden wir als durstige Arme im Reich des Todes? So erschreckte man ja früher die Menschen mit Drohungen, wie es ihnen in der Ewigkeit gehen würde. Das schreckt heute niemanden mehr, Gott sei Dank. Ich glaube, wir sind irgendwo dazwischen. Jesus will uns nicht drohen, sondern unsere Augen für die anderen und das Leben öffnen. Jetzt entscheidet sich, wie dieses Leben ist. Es gibt keine Generalprobe, keine Möglichkeit zu sagen: Beim nächsten Mal mache ich alles besser und anders. Jetzt sind wir gefragt, mit Herz und Verstand, unserem ganzen Menschsein. Von Jesus lernen wir, wie das geht.

Denn er gab schließlich sein eigenes Leben, um all den von sich selbst eingenommenen Jüngern und uns anderen zu zeigen, dass wir von Gott geliebt sind – trotz allem – jede/r einzelne von uns. Und dass wir uns mit der frohen Botschaft im Rücken keine Sorgen darum machen müssen, wie wir in den Augen der anderen dastehen. Unsere Aufmerksamkeit können wir auf etwas viel Spannenderes und Perspektivreicheres richten, nämlich auf die ganze Schöpfung, die Gott unserer Verantwortung anvertraut hat und auf die Menschen, mit denen wir zusammenleben. Heute geht der Kirchentag in Stuttgart zu Ende. Viele Probleme sind diskutiert worden. Vielleicht hat sich hier und da auch eine Lösung aufgetan. Der G-7-Gipfel wird auch zu Ende gehen, Gegner und Befürwortet werden sich Gedanken gemacht haben, wie man den Weltkrisen begegnen kann und hoffentlich auch Lösungen finden.

Jesus hat uns heute Morgen vom reichen Mann und dem armen Lazarus erzählt. Er will uns vom Sofa locken. Er erwartet etwas von uns.

Gott lässt seine Sommersonne über uns scheinen. Der Scheinwerfer ist auf uns gerichtet und auf Lazarus. Er ist da draußen, und er braucht Hilfe!

Amen








Evangelische Domgemeinde Altenberg