Predigt im Altenberger Dom

Liebe Festgemeinde, liebe Mitchristen,
Friede sei mit uns und durch uns.

Die Zeiten werden schlechter. Rezession droht. Die Krise mit dem Beigeschmack einer Katastrophe. Schon lange nichts Gutes mehr in der Tagespresse; überall sorgenvolle Gesichter. Was wird aus meinem Ersparten, meinem Job, der Zukunft meiner Kinder, meiner Altersversorgung? Aus ist's mit: „Mein Haus, mein Boot, mein Auto“! Die Gier einiger wird allen zum Verhängnis. Vielen ist nicht nach Feiern zumute.

Aber Weihnachten hat tiefe Wurzeln. Weihnachten ist nicht totzukriegen. Gott sei Dank! Wir feiern das Kind in der Krippe. Feiern seine Geburt.

Geburt eines Kindes inmitten von Not und Elend. Dennoch kam es zu Welt. Seine Mutter, eigentlich zu jung. Aber sie sagte „JA“ zu dem Leben, das in ihr heranwuchs.

Mit Fassungslosigkeit und Trauer haben wir vom Baby im Müll gelesen, nicht irgendwo im Hinterhof der Welt, sondern hier bei uns, mitten unter uns. Die Leidensgeschichte dieses Kindes, tritt neben andere: Kevin, Jessica, Talea. Kinderelend, Not und Tod.

Alle geschundenen, getöteten Kinder sind heute bei uns. Wir nehmen sie in liebevoller Erinnerung mit in unsere Herzen. Ihr könnt fragen: Warum so viel Trauriges gerade heute? Haben wir nicht genug zu tragen an eigenen Sorgen, an eigenem Leid? Keine rührende Weihnachtsgeschichte, nichts fürs Herz? Heute, am Heiligen Abend 2008 brauchen wir Trost, Hoffnung und die Zusage: Alles wird gut.

Sie haben ein Weihnachtsbild bekommen, eine Postkarte. Nur schwarzweiß. Eine Bleistiftzeichnung, anders als unsere bunten Weihnachtskarten. Eine zusammengekauerte Frau, in ihren Arm geschmiegt ein Kind. Ein kleines Bündel Mensch. Man muss genau hinsehen, um den kleinen Kopf, den kleinen Körper zu erkennen. Die Frau beugt sich zärtlich über das Menschenkind in ihrem Arm. Hüllt es mit ihrem ganzen Körper ein. Ihr großes Tuch eine wärmende Hülle. Sie sitzt auf dem Boden, so wie eine Bäuerin in Israel, eine Landarbeiterin in Russland. Die Füße aufgestellt, die Knie nach vorn. So beschützt sie mit ihrem ganzen Körper das zarte Leben. Mutter und Kind, Maria und Jesus, zärtliche Nähe, innige Verschmelzung, einander ganz zugewandt. Ein rührendes Weihnachtsbild, es strahlt tiefen Frieden und Geborgenheit aus, tiefste Menschensehnsucht. Die Gesichter von Mutter und Kind leuchten, als wären sie von einem inneren Licht erhellt. Die Augen wandern zur Schrift an der Seite: Licht, Leben, Liebe. Weihnachten 1942 im Kessel, Festung Stalingrad.

Manche von Ihnen werden dieses Bild kennen und auch noch die Zeit, in der es entstanden ist. Hunger, Krieg, Tod. Sie erinnern sich noch an ein Weihnachtsfest der Tränen. Damals hat Kurt Reuber in Stalingrad dieses Bild auf die Rückseite einer Landkarte gemalt. Mitten im Grauen des totalen Krieges, Sehnsucht nach Heil und Heilung. Viele Soldaten haben vor dieser Madonna gebetet und gehofft. Ihre Weihnachtswünsche stehen am Rand des Bildes: Licht, Leben, Liebe.

Liebe Gemeinde, ich habe Ihnen dieses Bild nicht mitgebracht um Ihre Festtagsfreude zu trüben. Die Madonna von Stalingrad erinnert uns an unsere deutsche Geschichte, eine Geschichte von der meine Generation lange nichts wissen wollte. Schnell waren wir mit Urteilen und Schuldzuweisungen bei der Hand.

Woran wird man uns messen? Welche Urteile über uns fällen? Wir geben unsere Lebenserfahrungen weiter von Generation zu Generation. Keine Generation muss sich selbst erfinden. Ihre Schuld tragen die Nachgeborenen mit. Von den Erinnerungen, vom Mut und von der Hoffnung der Früheren leben wir heute. Das ist gut. Und wir leben vom Glauben, der auch in schweren Zeiten hält und trägt.

Seit Jahrzehnten leben wir im Frieden. Aber auch mitten im Frieden bleibt die Sehnsucht nach Wärme, Geborgenheit und Liebe. Zu einer Zeit im Jahr endlich nicht stark sein müssen, nicht geben, sondern nehmen dürfen. Sich auf das innere Kind besinnen. Weihnachten bringt das hervor, was wir sonst ungern zeigen, abspalten, nicht wahrhaben wollen. Unsere sanfte Seite, unsere verletzten Kinderseelen. Weihnachten, wie eine tröstende Hand, sch… sch … es ist ja schon gut. Und Gott weiß, was wir brauchen. So kommt Gott zu uns: in einem Kind, wehrlos, schwach, bedürftig. In den Schwachen wirkt Gottes Kraft.

„Ich bin immer noch da!”, so hat meine Großmutter, ein Kind des 19.Jahrhunderts, ihre Lebenserfahrung nach zwei Kriegen und vier verstorbenen Kindern zusammengefasst. Wir sind auch noch da, vielleicht etwas verhalten, vielleicht auch sorgenvoll. Aber wir sind hier, weil wir von Gott noch alles erwarten.

Wieder ist Weihnachten geworden. Gott hat in der Dunkelheit der Welt ein Licht angezündet; „es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen“, wie es im Titusbrief heißt. Gnade Gottes für alle Menschen; mancher denkt – wenn er ans nächste Jahr denkt – „Gnade uns Gott”.

Liebe Gemeinde, ich weiß auch nicht, was kommt. Aber wir sind noch da. Mit unseren starken und schwachen Seiten. Mit unserer Herzlichkeit und Anteilnahme, Einzelne, Familien, Freunde, die Gemeinde aller Christenmenschen. Und unser Gott bleibt bei uns. Geht mit durch die tiefsten Täler der Rezession, durch Krisen, wirtschaftliche und persönliche. Es hat schlimmere Zeiten gegeben, damals in Bethlehem, in Stalingrad. Aber Gott hat die Schöpfung nicht aufgegeben. Im Weltenelend wurde der Heiland geboren. Darüber freue ich mich. Daran halte ich mich.

Und an ein Wort von Hans Dieter Hüsch: „Resignation nie, Optimismus ungern, Zuversicht immer“.

Altmodisch nennt man das Gottvertrauen. Dazu helfe uns Gott nicht nur zur Weihnachtszeit.

Amen