Predigt im Altenberger Dom

Wilhelm Stetter, 1525, Christi Geburt; Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.

Josef – Held des Alltags

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend,
der Friede, von dem die Engel singen, sei mit uns allen. Amen.

Gern hätte ich heute gesagt: Es war ein friedvolles Jahr. Wie schön wäre es, wenn wir sorglos diesen besonderen Abend feiern könnten, mit den alten Liedern und Verheißungen hier im Dom, später fröhlich mit den Lieben zu Hause. Ganz sorglos und froh, mit Tannenduft in der Nase, Plätzchengeschmack auf der Zunge und der tröstlichen Gegenwart des Mensch gewordenen Gottes in unseren Herzen. Das hätte ich mir gewünscht: Einmal hier stehen zu können und sagen zu dürfen: Es war ein gutes Jahr.

Aber so war es leider nicht. 2015 war ein schweres, ein schreckliches Jahr. In der Zeitung und im Fernsehen liefen in den letzten Wochen die Jahresrückblicke. Das Jahr begann mit Terror und endet mit Krieg und Gewalt.

In Haltern am See und in Paris werden heute viele Familien traurige Weihnachten erleben, denn an den Tischen bleiben Plätze leer. Die Krise der EU, das Erstarken nationalistischer Bewegungen, die mit der Rückkehr in eine Welt von gestern versuchen wollen, in der Welt von morgen zu bestehen, macht fassungslos und wütend. Das Morden im Irak, in Syrien, im ganzen Nahen Osten, die Leichen an den Mittelmeerstränden und dazu noch unsere eigenen Nöte und Sorgen, wie soll da Weihnachten werden? Nur noch von Ferne hören wir den Lobgesang der Engel: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Wie schön wäre es, wenn die Mächtigen der Welt, Politiker und Politikerinnen, wenn die Kirchen gemeinsam mit allen Menschen guten Willens, durch machtvolle Taten diesen Frieden herbeiführen könnten. Aber wir erleben, wie mühsam es ist, sich auf kleine Schritte zu einigen. Zu stark sind Einzelinteressen, Machtgelüste und Befindlichkeiten.

Als ich ein kleines Mädchen war, hatte ich, wie die meisten kleinen Mädchen, ein Poesiealbum. So etwas ähnliches wie die Freundschaftsbücher, die es heute gibt. Ins Poesiealbum schrieben Freundinnen, die Familie und die Lehrer fein gedrechselte Verse oder Lebensweisheiten hinein. „Lerne Ordnung, liebe sie, spart dir auch viel Zeit und Müh“ schrieb die Oma der unordentlichen Claudia ins Album. Frau Ebenau, meine strenge Lehrerin in der 4. Klasse gab mir mit auf den Weg: „Es kommt nicht darauf an, dass sich unser Leben in einer großen Tat erfüllt, sondern, dass jeder Tag seine Liebe hat“. Es war ihr letztes Jahr vor der Pensionierung. Eine alte Lehrerin und 45 Kinder in der 4. Klasse. Wir waren viele und wir waren laut. Zuhause wartete ihr Mann, der nach einem schweren Schlaganfall im Rollstuhl saß und versorgt werden musste. Kinder gab es keine, auch keine Familie in der Nähe. Frau Ebenau versuchte, uns allen gerecht zu werden; denen, die auf die Hauptschule sollten und den zukünftigen Gymnasiasten. Wenn wir uns halbwegs benahmen, las sie uns Nils Holgersson vor. Ob sie von großen Taten geträumt hatte in ihrer Jugend, ich weiß es nicht. Aber sie liebte uns und war uns jeden Tag eine gute Lehrerin.

Großes zu schaffen, etwas zu bewegen, davon haben wir geträumt, als wir noch jung waren, damals, am Anfang unseres Lebens. Was haben wir uns nicht alles vorgestellt: Große Karrieren, Welt verändernde Entscheidungen, die Wüste grün zu machen. Mittlerweile hat sich Ernüchterung breit gemacht. Die Engel sind verstummt, der Alltag ist das, was wir schaffen müssen. Jeden Tag wieder neu.

Aber, mitten im Alltag, leuchtet hier und dort etwas auf. Eine Hoffnung, beherztes Handeln, gute Worte, Liebe. Sie haben vor sich eine Postkarte liegen, ein Weihnachtsbild (s. oben). Maria und das Kind und am Bildrand Josef. Er sitzt nicht still an der Seite Mariens, in anbetender Bewunderung des göttlichen Kindes versunken. Josef ist ein Mann der Tat.

Er tut, was getan werden muss: Er hackt Holz. Auf den Feldern in Bethlehen kann es ziemlich kalt werden, da braucht man ein wärmendes Feuer. Im Bayrischen Jahrbuch für Volkskunde hat ein Forscher die Rolle des Josef im gotischen Weihnachtsbild beschrieben. Auf den mittelalterlichen Altarbildern ist Josef, noch ohne Heiligenschein, mit den Dingen des Alltags beschäftigt. Er kocht ein Breichen für Mutter und Kind, schürt das Feuer, macht aus seinen Hosen Windeln für das göttliche Kind, lädt die heiligen drei Könige in den Stall ein und nimmt ihre Geschenke entgegen. Für Josef haben die Engel nicht gesungen, kein Stern hat seine düsteren Gedanken erhellt, als er mit seinem Schicksal und der Schwangerschaft Marias haderte. Und dann die schäbige Herberge, die merkwürdigen ausländischen Besucher, die abgerissenen Hirten, die etwas von Himmelserscheinungen faselten. Nun gut, im Traum war da diese Stimme, die ihm riet – eigentlich befahl, was er tun solle. Aber wir wissen ja alle, wie das so ist mit Träumen. Träume sind Schäume und halten oft genug der Realität des Morgens nicht mehr stand.

Josef steht mit beiden Beinen in der Welt. Er hat keine himmlischen Erscheinungen, er hat nur das, was ihm andere erzählen. Aber, und das macht ihn mir so sympathisch, er traut dem, was ihm gesagt wird. Er traut dem Wort und nur dem Wort allein. Ein echter Protestant, der dem Wort Kraft zugesteht und Macht und Würde. Es kommt für ihn nicht darauf an, wer ihm dieses Wort sagt. Und dann steht er da in seinem Stall in Bethlehem und hört vom Frieden, den Gott in diesem Kind der Welt schenkt. Friede, Mensch gewordener Gott, Heil und Heilung allen Menschen, Liebe und Gerechtigkeit, wahrscheinlich schüttelt Josef ein wenig den Kopf. Denn wenn er sich umsieht in der armseligen Behausung, wenn er sich die Leute im Stall anschaut – nun ja. Aber er bestreitet die Geschichte nicht, die man ihm erzählt, auch wenn davon nichts zu sehen ist. Und dann geht er raus und hackt erstmal Holz. Oder kocht eine warme Suppe, oder wickelt das Kind. Die großen Themen und Hoffnungen, ja gut – aber erst mal muss ein Feuer brennen, damit es warm wird in Bethlehem.

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend, die wenigsten von uns sind heute hier, weil sie eine Erscheinung hatten, oder weil ihnen ein Engelschor etwas vorgesungen hat. Wir haben eher noch das Gehupe auf dem Parkplatz im Ohr. Aber wir sind gekommen, weil wir an einer alten Geschichte festhalten wollen. An den Worten von Frieden, Liebe und Gerechtigkeit. Auch wenn davon in unseren Tagen nicht viel zu sehen ist. Für einige ist die Existenz von Engeln keine Frage, andere sehen in der Krippe und im Kind mehr als vor Augen ist und vertrauen dem Versprechen, das in beidem liegt. Wieder andere sind eher skeptisch und spielen einen Glauben, den sie gar nicht mehr haben, mit Adventskranz und der festlichen Musik des Weihnachtsoratoriums. Aber auch das ist gut und darf so sein. Und so sind wir hier im Dom, erfüllt von Weihnachtssehnsucht und warten auf das Wunder. Und während wir warten und hoffen, tun wir was getan werden muss. Gehen mit der Flüchtlingsfamilie zum Arzt und zu den Ämtern, geben Deutschunterricht, helfen mit im Sportverein und im Roten Kreuz, in den Kirchengemeinden und in der Politik. Jeder 10. in unserem Land macht irgendetwas im Ehrenamt. Jeder 10.!!! So viele Josefs und Josefinen. Helden und Heldinnen des Alltags. Keine großen Taten, aber jeden Tag so viel Liebe, dass sie auch noch für andere reicht.

Zu uns Alltagsmenschen kommt Gott nicht in Glanz und Gloria. Nicht mit Pauken und Trompeten, so dass es einen fast vom Stuhl haut. Nicht wie die Drachentöter und Blitzeschleuderer.

Gott kommt in die Welt wie wir alle, neugeboren und bedürftig. Dieser bedürftige Gott vertraut uns, hofft auf uns, verlässt sich auf uns – auf all die Josefs und Josefinen, die das tun, was getan werden muss. Das tut er für uns: er lässt uns über uns selbst hinauswachsen, damit wir geduldiger, großzügiger, freundlicher werden, als wir eigentlich sind.

Ihr Lieben, aber nicht nur um das Kleine und Zarte geht es heute. Von Gott können wir mehr erwarten: Frieden, Gerechtigkeit, Trost. Dazu kam er vom Himmel auf die Erde und bleibt bei uns bis ans Ende der Welt. 2015 war ein schreckliches Jahr, ja, das stimmt. Aber es war auch ein gutes Jahr. Ein gutes Jahr für die Helden des Alltags. Auf ihren Gesichtern spiegelt sich die Menschenfreundlichkeit Gottes, in ihrer Arbeit sieht man Gott auf frischer Tat.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne im Glauben an Jesus Christus.

Amen


Evangelische Domgemeinde Altenberg