Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, Friede sei mit uns und durch uns. Amen.
„Mama (oder auch Papa) – wen hast du am liebsten?“ Eltern hören schon mal diese Frage von ihren Kindern.
Die Menschheitsgeschichte und die biblischen Geschichten sind voll von Eifersucht und Konkurrenzen von Geschwistern. Vielleicht haben Sie sich insgeheim in Ihrer Familie auch zurückgesetzt gefühlt, den Eindruck gehabt, dass die Geschwister mehr beachtet, mehr geliebt wurden. Auch in der Gemeinde, sinnigerweise unter uns Schwestern und Brüdern, gibt es Eifersucht, Konkurrenz und Rivalität. Aber das war schon immer so.
Im Predigttext für heute greift Paulus die Konkurrenzen und Rivalitäten zwischen Menschen jüdischen und christlichen Glaubens auf. Die Christen trugen die Nase sehr hoch und hielten sich für besser als ihre jüdischen Geschwister. Die unselige Wirkungsgeschichte ist uns allen bekannt.
Hier setzt Paulus mit seinem Einspruch an. „Ich will euch, liebe Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet.” Und dann kommt das, was der Christenheit durch die Jahrhunderte ein Dorn im Auge war: Auch Israel – so sündig und verstockt es in den Augen der Christenheit sein mochte – bleibt in Gottes Herzen. Gott ist treu; seine Gaben und Berufungen reuen ihn nicht; Israel ist geliebt um der Vorfahren willen. Israels Untreue hebt Gottes Treue nicht auf. Der alte Bund ist nicht aufgekündigt. Das ist der Dämpfer des Paulus für die, die allzu klug sind und sich im alleinigen Besitz der Wahrheit wähnen.
Und er geht noch einen Schritt weiter. Das Schicksal Israels ist mit dem der Kirche Christi untrennbar verbunden. Ohne den anderen käme niemand zum Ziel. Die Juden und die Christen – Israel und Kirche – sind für Paulus wie Gefährten auf einem Weg, den der eine ohne den anderen nicht gehen kann. Ohne Israel – den alten Bund – gäbe es die Kirche nicht. Paulus beschreibt das Miteinander von Juden und Christen, ihr Aufeinanderangewiesensein mit dem Beispiel vom Olivenbaum.
Ich habe Ihnen aus meinem Urlaub an der türkischen Olivenküste ein Ölbäumchen mitgebracht. Die Kulturgeschichte des Mittelmeerraumes ist eng verbunden mit der Olive und den Ölbäumen. Öl, Seife, Heizmaterial, alles lässt sich aus Oliven gewinnen. In Israel, im Garten Gethsemane habe ich knorrige Ölbäume bewundert, die nach der Tradition Jesus an seinem letztem Abend in Freiheit mit ihren Blätternrauschen trösten wollten. Die Olivenbäume, so habe ich gelernt, gewinnen den größten Ertrag, wenn kräftige junge Zweige in den alten Stamm gepfropft werden. Die Großeltern profitieren sozusagen von den Enkeln und umgekehrt.
Und heute? Wissen wir das heute noch, dass „christliche Kirche von dem göttlichen Erbarmen lebt, das mit der Erwählung Israels in die Völkerwelt eintrat” (Hans-Joachim Kraus)?, dass wir „als wilde Sprösslinge dem edlen Ölbaum Israel eingepfropft worden sind (Röm. 11,170)?” Manchmal hat es den Anschein, als sei das weit weg, als würde eine Art „Geschichtsvergessenheit” der eigenen Religion um sich greifen. Man scheint sich andere Vorfahren zu suchen als den „Gott Israels”. Esoterik wirkt populärer, „Buddhismus mit christlichem Unterbau” (Hape Kerkeling) ist „in”.
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Von all den Stolpersteinen, die den gemeinsamen Weg von Juden und Christen schwer machen, ist dieser der unauffälligste und damit heimtückischste, nämlich zu vergessen, dass wir Geschwister sind. Vielleicht ist dieser Israel-Sonntag, der unter dem Thema „Christen und Juden” steht, eine Gelegenheit, sich zu erinnern: Unser Gott ist der Gott Israels, der „Gott Abrahams und Sarahs, (der) Gott der Propheten/innen, nicht der der Philosophen und Gelehrten” (Blaise Pascal). Zu uns spricht der gleiche Gott wie zu unseren Geschwistern aus Israel, die gleichen Verheißungen sind in unsere Herzen gebrannt, seit Generationen formen unsere wie ihre Lippen die Verse der Psalmen. Aus Israel kommt unser Erlöser und „die himmlische Stadt, zu der sich auch das wandernde Gottesvolk der Christen unterwegs weiß, heißt denn auch nicht etwa Athen und schon gar nicht Rom oder gar Wittenberg, sondern Jerusalem.” (Eberhard Jüngel)
Allein das muss uns die Augen öffnen für unseren älteren Bruder, das Volk Israel. Denn es drohen immer wieder viele kleine und große Schatten den Blick auf unsere Glaubensgeschwister zu verstellen. Gerade wir Christen in diesem Land sollten vor Augen haben: Jeder beschmierte jüdische Grabstein ist auch ein Schandfleck auf einem christlichen Altar, jedes zerstörte jüdische Mahnmal ein Riss auch im Fundament der Kirche Christi. Und jedes Hakenkreuz an einer Synagogenwand ein Schlag auch gegen das Kreuz Jesu. Gestern und heute – vergessen wir das nicht!
Doch es reicht nicht, nur nach außen wachsam zu sein. Ein Gradmesser für das Verhältnis der Christen zu Israel war unter anderem die Karfreitagsfürbitte der katholischen Kirche, die erst in einer Formulierung von 1969/70 im reformierten Messbuch den Juden eine angemessene Rolle als dem Volk, „zu dem Gott unser Herr zuerst gesprochen hat” zuweist und damit Israel in das richtige Licht stellt. Dieser klare Blick scheint nun getrübt, wie die Umformulierung der Karfreitagsfürbitte durch Benedikt XVI. in diesem Frühjahr vor Augen führt. Der neuen Version zufolge muss Israel wie alle anderen Völker Christus erkennen. Seine besondere Bedeutung als das Volk, „zu dem Gott unser Herr zuerst gesprochen hat”, hat es verloren. An die Stelle der „respektvollen Formulierung aus dem Jahr 1970" tritt eine „subtile Aufforderung zur Judenmission” (Charlotte Knobloch, SZ 31.03.2008). Mir scheint, angesichts dieses Rückschritts gewinnen die Worte des Paulus im Brief an die Römer einen netten, aktuellen Sinn: „Ich will euch, liebe Schwestern und Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst ,für klug haltet (..). Im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Vorfahren willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.”
Die ganze Wahrheit um die beiden Kinder Abrahams und Sarahs bleibt ein Geheimnis. Der jüdische Religionsphilosoph Franz Rosenzweig denkt über unseren heutigen Predigttext mit folgenden Worten nach: „Vor Gott sind so die beiden, Jude und Christ, Arbeiter am gleichen Werk. Er kann keinen von beiden entbehren. Die Wahrheit, die ganze Wahrheit, gehört so weder ihnen noch uns.
„Wer hat denn jetzt recht? Sie oder ich?” - „Wen hast du jetzt denn lieber? Mich oder sie?”
Gott sagt: Ich habe euch beide lieb, so verschieden ihr auch seid. Keinen von euch will ich missen. Und kluge Eltern sagen meistens dasselbe.
Amen
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