Liebe Gemeinde, Friede sei mit uns und durch uns. Amen.
Eine traurige Geschichte habe ich kürzlich gelesen: Ein Kind überlebt gräsßiche körperliche Gewalt - und Missbrauchserfahrungen.
Die körperlichen Wunden heilen schnell, die seelischen Verletzungen sollen mit therapeutischer Unterstützung gelindert werden. Zwischen Kind und Therapeutin kommt es zu einer Reihe von Treffen: das Kind spielt, die Therapeutin beobachtet. Es spielt immer das gleiche Spiel: Ein Schiff fährt auf dem Meer. Die Besatzung besteht aus kleinen Spielfiguren. Dann kommt ein großer Sturm. Das Schiff sinkt. Alle ertrinken. Immer und immer wieder spielt das Kind dieses Spiel, spielt Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Die Therapeutin bittet in einer Sitzung, mitspielen zu dürfen. Sie spielt den Riesen, der auf einer Insel wohnt und vielleicht rettend eingreift. Und so spielen sie. Das Schiff fährt, der Sturm kommt und als der Riese sich anschickt, rettend einzugreifen, hält das Kind das Spiel an: „So geht das nicht! Der Riese schläft immer!”
Der Riese schläft, heißt: mir kann keiner helfen. Und in übertragenem Sinn heißt es auch: Gott schläft. Eine Geschichte zum Heulen. Und doch muss sie ertragen werden. Denn Schreckliches geschieht jeden Tag, und nicht alles lässt sich ändern und aufhalten. Manches Bild, manche Begebenheit des gestrigen Tages: die Toten in Afghanistan, die Sorge um die Seeleute, der Unfrieden im Heiligen Land, Unfälle, Krankheiten, so viele Tode. An manchen Tagen hört, sieht und liest man von zu vielen Schrecknissen. Und wie Kinder denken auch wir: der Riese schläft; Gott schläft. Oder wie es in einem Song von Bette Midler heißt: „God is watching us from a distance“ (Gott sieht uns aus der Ferne). Weit weg von den Klagen, vom Leid der Welt, von unseren Tränen. Und dann dieser Text aus dem Lukas-Evangelium. Jesus weint über Jerusalem. Was genau Jesus sieht, als er über die Stadt blickt, bleibt ungesagt. Lukas deutet die Tränen Jesu als Trauer über die Sturheit der Bewohner Jerusalems, die das Heil nicht erkennen wollen. Unheil steht bevor, Zerstörung. Ist Jerusalem der hoffnungslose Fall? Gibt es in Gottes Augen ein: Zu spät?
Durch die Jahrhunderte hindurch wurden dieser und andere neutestamentliche Texte so gedeutet: Das Gottesvolk Israel hat das Heil verpasst, die Christen sind an ihre Stelle getreten. Deshalb können die Christen mit dem in Ungnade gefallenen Gottesvolk tun, was sie wollen. Aus dieser antijudaistischen Grundhaltung und mit der Erfahrung der Tempelzerstörung legt der Evangelist Lukas Jesus hier die Worte in den Mund.
|
Jesus weint über Jerusalem. Was sieht er? Zuerst ein Postkartenmotiv: Die prächtige uralte Großstadt, mit der alten Stadtmauer, den heiligen Orten dreier Weltreligionen, den vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Inländer, Ausländer. Hinter der Fassade ein anderes Jerusalem: ein zerrissenes Land, wie ein Topf, der ständig überzukochen droht, Attentate, militärische Angriffe, Krieg und Tod – auch in diesem Jahr.
Die Mauer, durch die ganze Dörfer zu Gefängnissen werden.
Wir kennen die Bilder der Zerstörung des Krieges, wissen von der Mauer durch ein geteiltes Land. Kennen Ohnmacht und Hilflosigkeit.
Langsam ahne ich, worüber Jesus weint, als er Jerusalem sieht. Sieht jede Stadt, durch die Zeit. Ihre Schönheit, ihren Kummer und ihre Zerstörung. Unser Gott weinend, mitleidend. Nicht „from a distance“ – Gott schläft nicht.
Das Evangelium geht aber noch weiter. Jesus kehrt der Stadt nicht resigniert den Rücken. Er geht in den Tempel und greift dort massiv ins Geschehen ein. Mitleid, Wut, Empörung, so emotional stellen wir uns Jesus meistens nicht vor. Seine Wut über das unfriedliche Geschehen, das so-Sein der Welt und der Menschen ist bis heute zu spüren.
Jesus bringt seine Wut an den Ort, an dem Glaube, Liebe und Hoffnung lebendig sein sollen. Er, Jesus, will diesen Ort bewahren, freihalten von Geschäften und Intrigen. Will Gottes Haus wieder öffnen für Menschen, ihre Träume und Sehnsüchte, ihren Glauben.
Uns ist auch ein Haus Gottes anvertraut. Und im Miteinander hier in Altenberg gibt es auch manches, über das man weinen oder wütend werden könnte. Jesu Wut zeigt mir: Nichts muss bleiben wie es ist. Wut kann die Energie sein, die die Veränderung herbeiführt. Stummes Leiden und Aushalten führt zu nichts. Wir kennen die Gefängnisse unserer Lethargie und Resignation. Jesu Tränen sind unsere, unsere Tränen sind seine. Seine Empörung will uns aus dem Schlaf der Sicherheit reißen. Mit ihm an unserer Seite lässt sich die Welt verändern. Werden Träume wahr.
Denn: Wenn Jahwe die Gefangenen Zions erlöst, werden wir sein wie die Träumenden. Und: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
Amen
|