Predigt im Altenberger Dom
Predigttext 4. Mose 11, 10 – 17
|
10 Als nun Mose das Volk weinen hörte, alle Geschlechter miteinander, einen jeden in der Tür seines Zeltes, da entbrannte der Zorn des HERRN sehr. Und auch Mose verdross es. 11 Und Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? 12 Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast? 13 Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen. 14 Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. 15 Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muß. 16 Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, 17 so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst. |
Liebe Gemeinde!
Der Friede Gottes sei mit uns allen. Gott schenke uns ein Herz für sein Wort und ein paar Worte für unser Herz.
Eigentlich brauchte man zum Predigttext für heute nicht mehr viel zu sagen. Die Szene spricht für sich selbst. Mose ist überfordert mit der Erwartungshaltung des Volkes. Die Leute gehen ihm auf die Nerven; immer haben sie etwas anderes zu jammern oder zu meckern. Mal schmeckt ihnen das Manna nicht mehr, mal ist ihnen der Weg ins gelobte Land zu weit, mal zweifeln sie an den Führungsqualitäten des Mose, ja, manchmal verklären sie sogar die ägyptischen Zeiten und wollen wieder zurück an die Fleischtöpfe. Wie quengelnde Kinder auf langen Autofahrten, so kommt mir das auserwählte Volk hier vor: "Ist es noch weit? Ich habe Hunger! Ich muss mal!"
Mose kann es nicht mehr ertragen; schließlich gibt es da ja ein offenes Ohr, eine beschützende Hand. Mose beschwert sich bei Gott und fordert Unterstützung. Es ist schrecklich, alles alleine machen zu müssen. Es ist gut, wenn man Hilfe bekommt. Gottes Vorschläge, um mit dieser Situation umzugehen, sind nicht drakonisch, sondern diakonisch. Mose braucht Unterstützung im Amt, von Menschen, die das als Ehre betrachten – kurz gesagt, das 4. Buch Mose erzählt uns von der Geburtsstunde des Ehrenamtes.
70 Ehrenamtliche sollen in Zukunft zusammen mit Mose „die Last des Volkes"tragen.
Ehrenamtlich arbeiten in Kirche und Gesellschaft, das bedeutet mitzutragen, Verantwortung und Lasten. Ohne ehrenamtliches Engagement stünden wir Amträger und -trägerinnen in Kirche und Gesellschaft ziemlich allein und überfordert da. Würden uns wahrscheinlich so ähnlich wie Mose fühlen, permanent überfordert und abgenervt von den vielen, vielen Ansprüchen, die an uns gestellt werden. In unserer Gemeinde gibt es, Gott sei Dank, viele Menschen, Männer und Frauen, Junge und Ältere, die bereit sind, sich für die gute Sache in die Pflicht nehmen zu lassen. Wie viele es sind und wie unterschiedlich ihre jeweiligen Arbeitsbereiche, das merken wir immer bei unserem Neujahrsessen für die Ehrenamtlichen. Besuchsdienstleute sind da, die Menschen von Essen auf Rädern, die Bezirkshelferinnen, die auch für die Diakoniesammlungen zuständig sind, die Frauen vom Werkkreis, das Helfer-Team für die Konfirmandenarbeit, Presbyter/innen, die Leute vom Fahrdienst und viele andere.
Um ehrenamtlich arbeiten zu können, braucht es aber nicht nur den eigenen guten Willen und die Bereitschaft, für andere etwas tun zu wollen, sondern auch die Befähigung. Gott weiß das und deshalb werden die 70 Ehrenamtlichen aus unserem Bibeltext mit besonderen Gaben für ihr Amt ausgestattet. Von den besonderen Geistesgaben des Mose bekommen sie etwas ab. Diakonie statt Hierarchie. Wenn Haupt- und Ehrenamtliche gut zusammenarbeiten wollen, dann braucht es immer noch die Bereitschaft der einen, den anderen abzugeben: Verantwortung, Einflussnahme, Geld.
Früher war es verpönt, sich Auslagen, die jemand infolge des Ehrenamtes hatte, erstatten zu lassen. Heute wissen wir, dass wir auch finanzielle Mittel bereitstellen müssen, damit sich jede und jeder ein Ehrenamt “leisten“ kann. Aber viele Menschen, die sich in der Kirche engagieren, erwarten nicht mehr als ein Dankeschön. Deshalb sollte in unserer Kirche und in unseren Gemeinden Lob und Dank selbstverständlich sein. Unser Markenzeichen sozusagen.
Unsere Kirche hat in den vergangenen Jahren viele Fortbildungsangebote für Ehrenamtliche in Kirche und Diakonie entwickelt. Zum Ehrenamt gehört Aus-und Fortbildung und die Begegnung mit Gleichgesinnten. Wer nur so vor sich hinwurschtelt, ganz allein, ohne Team , ohne Austausch mit anderen, ist schnell enttäuscht und verliert die Lust, sich weiter zu engagieren.
Liebe Gemeinde,
Mose ist kein Einzelkämpfer. Er erfährt, dass Einzelkämpfern ziemlich schnell die Puste ausgeht. Gott zeigt ihm den Weg aus dem „Ich" hin zum „Wir“. Wege aus der Einsamkeit hinein in eine erfüllte Gemeinschaft – das sind Wege der Befreiung. Wege, die nicht nur zu einer Oase, sondern in das gelobte Land führen. Eine gute Erfahrung, zu spüren, ich bin nicht allein. Nur mit Teamfähigkeit und Kooperation in Kirche und Gesellschaft sind die vielfältigen Probleme zu lösen – Klimaschutz, die Situation der armen Länder, die Kriegsschauplätze.
Pfingsten feiern wir solch einen begeisterten Aufbruch in und mit Gemeinschaft. Gott schenkt uns seinen Geist, der belebt und begeistert. Gott führt unterschiedliche Menschen durch seinen Geist zusammen, dass sie Kirche sind – damals in Jerusalem und heute hier in Altenberg.
Viele verschiedene Menschen sind heute aus unterschiedlichen Häusern hier zum Gottesdienst zusammengekommen, zur Gemeinschaft der Gläubigen: Familie Abraham kommt, um Benjamin zu taufen, Konfirmanden und Konfirmandinnen sind hier, Ältere und Jüngere, Menschen, die ehrenamtlich in unserer Kirche schuften und Menschen, die auf ein Wort warten, das ihnen durch die nächste Woche hilft.
Aus der Einsamkeit zur Gemeinschaft! Aus wenigen werden viele. Gemeinsam wollen wir Gott auf der Spur bleiben. Gemeinsam wollen wir Kirche sein und gestalten. Nicht einer und eine allein, das würde nicht gehen. Einer allein kann keine Gemeinde sein, kann keine Gemeinde gestalten, kann das alles nicht schaffen. Aber gemeinsam mit Gottes Geist wird es uns gelingen. Und gemeinsames Tun macht Freude, macht manchmal richtig Spaß.
Natürlich wird es auch in Zukunft immer wieder Wüstenwege und Wüstenzeiten geben. Schwierigkeiten, Mühen und Anfragen. Viele Menschen machen sich Sorgen um die Zukunft der Kirche, die Zukunft des Glaubens. Ich bin zuversichtlich! Ich glaube, dass unsere Zukunft im ökumenischen Miteinander liegt, im Miteinander der Religionen. Und ich hoffe, dass der Kirchentag die ehrenamtliche Arbeit in den Gemeinden stärkt.
Auch Mose war, nachdem ihm die siebzig Ältesten zur Seite standen, nicht sofort im gelobten Land. Er musste den Weg durch die Wüste weitergehen. Aber eben nicht allein.
Gottes Geist begleitet, begeistert und trägt die Christenheit durch die Zeit. Das ist versprochen. Und Gott ist treu.
Amen