Predigt im Altenberger Dom

Liedpredigt über „Auf, auf mein Herz mit Freuden …“

Liebe Gemeinde, Friede sei mit uns und Freude im heiligen Geist. Amen.

In diesem Jahr erinnern wir uns besonders an Paul Gerhardt, den evangelischen Pastor und Liederdichter, der vor 400 Jahren geboren wurde. In unserem Gesangbuch finden Sie 28 Lieder aus seiner Feder, in unserem Gemeindebrief DOMblick gibt es einen ausführlichen Artikel über sein Leben und Werk, und im Sommer besucht eine Gruppe aus unserer Gemeinde Stätten seines Lebens und Wirkens. Wahrscheinlich kennt jede/jeder von Ihnen wenigstens ein Paul-Gerhardt-Lied. Was den besonderen Reiz seiner Dichtung ausmacht, ist das tiefe Gottvertrauen, dass aus den Texten spricht. Trotz der Erfahrung von Not und persönlichem Leid in der Zeit nach dem 30jährigen Krieg sind sein Glaube und die Liebe zur Natur eine Kraftquelle für Paul Gerhardt. – „Geh aus mein Herz und suche Freud ...", „O Haupt voll Blut und Wunden …" . Sie kennen die Lieder.

Lassen Sie uns heute über ein Osterlied nachdenken: Wir singen aus dem Gesangbuch das Lied 112, die erste Strophe.

Auf, auf mein Herz mit Freuden nimm wahr, was heut geschieht;
wie kommt nach großem Leiden nun ein so großes Licht!
Mein Heiland war gelegt da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist gen Himmel ist gereist.

Nimm wahr was heut geschieht…“

Liebe Gemeinde,

Paul Gerhardt holt das Ostergeschehen in unsere Wirklichkeit. Auferstehung Christi. Kein Märchen aus uralter Zeit, das wir mühsam versuchen, alle Jahre wiederzubeleben. Gegen eine ständig ansteigende Zahl von Skeptikern, die mehr mit Vorstellungen von Seelenwanderung und Wiedergeburt anfangen können. Mitten in unserer Zeit, mitten in der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts, verkünden und glauben wir eine Macht, die stärker ist als die Todesmächte.

Ja, es ist wahr, auch der Gottessohn Christus stirbt, wie wir alle sterben müssen. Er wird begraben, wie wir alle auch einmal begraben werden. Aber damit ist seine und unsere Geschichte nicht zu Ende. Im Mittelpunkt unseres Glauben steht die Zusage: Gott besiegt den Tod. Den Tod Jesu, deinen Tod, meinen Tod. In Gott bleibt aufgehoben, was wir waren, Leib und Seele.

Aber die Todesmächte in unserer Welt sind stark, die Zeitung ist voll davon. Mit Sorge nehmen wir die Zunahme der Militäreinsätze wahr, die ökologischen Katastrophenmeldungen weltweit, die klimatischen Zerstörungen, das Schiffsunglück vor Santorin. Mit Mitgefühl denken wir an die vielen Geiseln, mit deren Leben vermeintliche politische Ziele durchgesetzt werden sollen. Oft macht sich angesichts all dieser Bedrohungen durch die Todesmächte unserer Welt Resignation und Mutlosigkeit breit. Besonders gut ablesbar an dem immer kleiner werdenden Häuflein der Ostermarschierer, deren Eintreten für Frieden mich persönlich sehr beeindruckt und für deren Engagement ich dankbar bin.

Paul Gerhardt kennt persönliche Krisen, er hat Tod und Zerstörung miterleben müssen. Doch sein Glaube hat ihm geholfen, die tiefen Tränentäler zu durchqueren.

Nimm wahr was heut geschieht – Paul Gerhardts Lied versetzt uns in die Gegenwart Christi. Unsere Blickrichtung verändert sich. Wir richten unseren Blick nach oben.

Die Domkantorei singt die zweite Strophe.

Er war ins Grab gesenket, der Feind trieb groß Geschrei;
eh er’s vermeint und denket, ist Christus wieder frei und ruft Viktoria,
schwingt fröhlich hier und da sein Fähnlein als ein Held,
der Feld und Mut behält.

Liebe Gemeinde,

Sie sehen im Chorraum die Skulptur des auferstandenen Christus mit der Fahne, ausnahmsweise auch heute während unseres Gottesdienstes. Um die Aufstellung dieser Christusfigur gibt es schon seit ein paar Jahren eine Diskussion mit unserer katholischen Schwestergemeinde. Deshalb ist der Christus mobil und kann in der sogenannten „evangelischen Zeit“ und in unseren Gottesdiensten aus dem Blickfeld gerollt werden.

Paul Gerhardt hätte wahrscheinlich keine Schwierigkeiten mit dieser Figur gehabt, denn sie illustriert das, was wir gerade gehört haben. Eigentlich eine rührende Vorstellung, der Fähnchen schwenkende Christus springt aus seinem Grab. Rührend zwar, aber für uns Protestanten heute wohl kein angemessener Ausdruck unseres Glaubens. Wir werden von Bildern zugeschüttet und brauchen nicht noch mehr davon, um uns Gott zu nähern. Wir gestresste und umtriebige Zeitgenossen von heute brauchen eher Stille, Zeit, die Weite dieses Raumes, um die Gegenwart Gottes an uns heranzulassen. Aber der in Kunst und Musik gegossene Glaube unserer Vorgänger/innen im Glauben kann uns ermutigen und trösten, erfreuen und erheitern. So viele vor uns haben geliebt und gelitten, gehofft und geglaubt. Ihr Leben blieb geborgen und meines auch.

Wir singen gemeinsam die sechste Strophe.

Ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied;
wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not,
er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell.

An und in Christus bleiben, darum geht es. Das ist Glaube. Von der veränderten Blickrichtung war schon die Rede, jetzt geht es um den veränderten Rhythmus des Lebens. Nach der Melodie dieses Osterliedes könnte man fast ein Tänzchen wagen. Christus nimmt uns mit in den Reigentanz. So wie ein anderes Osterlied zum Schunkeln einlädt.

Liebe Gemeinde,

das Ostergeschehen verändert den Rhythmus des Lebens. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, sagt ein bekanntes Psalmwort. Für meinen Gott ist der Tod nicht das Ende, sagt unser Glaube. Mein Leben bekommt einen anderen Schwung, wenn ich in der Gegenwart Christi lebe. Ich werde von seiner Fröhlichkeit durchdrungen und lasse mich von den Widrigkeiten des Lebens nicht mehr lähmen. Mit Lebensfreude und Dankbarkeit gegenüber Gott und den Menschen behaupten wir zu Ostern das Leben gegenüber dem Tod.

Gottvertrauen und Humor gehören auch dazu. Deshalb dies noch zum Schluss:

Eine Diakonisse bleibt mit ihrem VW-Käfer an der Landstraße liegen. Kein Sprit mehr. Im Kofferraum findet sich kein Ersatzkanister, nur ein alter Nachttopf. Mit dem macht sie sich auf den Weg zur nächsten Tankstelle, füllt ihn voll Benzin und geht zum Auto zurück. Als sie gerade mit Hilfe des Nachttopfes ihr Auto auftankt, hält ein Autofahrer neben ihr, kurbelt die Scheibe herunter und sagt: „Gute Frau, Ihr Gottvertrauen möchte ich haben!“

Das sollte man zu uns auch sagen können.

Amen