Ökumenischer Gottesdienst im Altenberger Dom

Am Buß- und Bettag, dem 18. November 2009, fand zum Abschluss des Jubiläumsjahres "750 Jahre Grundsteinlegung des Altenberger Domes" ein Ökumenischer Gottesdienst statt. Die Predigt hielt die Dompredigerin des Berliner Domes, Dr. Petra Zimmermann. Diese Predigt finden Sie hier.

Predigt von Dompredigerin Dr. Petra Zimmermann

Dr. Petra Zimmermann

Gnade sei mit euch und Frieden von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Wie viel Zeit bleibt uns noch? Wie viel Zeit wird uns gewährt? Das sind Fragen, liebe Gemeinde, die heute, am Buß- und Bettag in das Licht unserer Aufmerksamkeit rücken. Aber untergründig, gleichsam zwischen den Zeilen unseres Alltagslebens, schwingen sie immer mit. Zeit ist eine zentrale Kategorie menschlichen Lebens. Zeit, die nie ausreicht, Zeit, die nicht vergehen will, Zeit, die verrinnt. Alles, was zum Leben des Menschen gehört, hat seine Zeit; hat seine Geschichte, seine Erfahrungen und Erinnerungen in der Zeit, hat seine Fülle und seine Frist. Sie haben sich in diesem Jahr in besonderer Weise mit der Zeit beschäftigt. 750 Jahre Rückblick auf eine Geschichte, die sich in diesen Ort eingetragen hat. Eingelassen in Stein und Glas und Raum. So viele Menschenleben lang war dies ein Ort, an dem das Wort Gottes verkündet und die heiligen Sakramente gefeiert wurden. So viele Füße haben diesen Ort betreten, so viele Hände haben sich hier zum Gebet gefaltet. Und ich stelle mir vor, wenn wir das hören könnten, die Worte und Seufzer, die von diesem Ort aufstiegen, die Worte des Dankes und der Anbetung, es wäre, als erklänge ein großer Menschheitschor, der uns die Sinne raubt. So viele Menschenleben wurden hier unter den Segen Gottes gestellt, so viele Siege gefeiert und Niederlagen beweint. Hier stiegen unzählige Bitten um Vergebung in die Gewölbe auf, wurde das Brot des Lebens ausgeteilt und der Kelch des Heils gereicht. 750 Jahre Altenberger Dom. 750 Jahre Menschenleben, geistliches Leben an diesem Ort. Wie viel Zeit bleibt noch? Und nutzen wir sie recht?

Der Buß- und Bettag ist ein Tag, an dem die Frage wach gehalten wird, was wir mit der Zeit, die uns noch bleibt, tun wollen. Ob wir bereit sind, Buße zu tun, bereit, unser Leben anzuschauen, ohne Beschönigung, ohne Selbsttäuschung. Ob wir bereit sind, einen Blick auf unser Leben zu werfen, der Klarheit schafft. Wer Sünde und Schuld nicht benennen kann, verspielt eine der wundervollsten Fähigkeiten des Menschen, nämlich „das Recht, ein anderer zu werden“, wie Dorothee Sölle einmal formuliert hat. Niemand soll uns dieses Recht bestreiten. Niemand soll uns zwingen, unsere Seelen zu verholzen und zu erstarren in der Gefangenschaft des eigenen Herzens. Wir dürfen anders werden. Machen wir von diesem Recht Gebrauch?

Und so hören wir auf den Predigttext für diesen Buß- und Bettag, der uns dazu verlocken will, ein anderer zu werden, neu zu werden.

Predigttext, Lukas 13, 6 – 9

6 Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine.
7 Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?
8 Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge;
9 vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.

Alles hat seine Zeit. Auch ein Feigenbaum. Der Weinbergbesitzer ist am Ende seiner Geduld. Drei Jahre lang hat er darauf gewartet, dass dieser Baum Frucht bringt. Drei Jahre lang ist er gekommen, hat gesucht, ob sich nicht doch eine Frucht zeigt. Drei Jahre lang hat er beobachtet, wie der Baum dem Boden die Kraft entzog, den Weinreben um ihn herum die Nährstoffe nahm. Doch nun reißt ihm der Geduldsfaden. Drei Jahre sind genug. „Ich zähl bis drei, und dann passiert was!“ Wie oft haben wir diesen Satz gehört. Ihn vielleicht auch gesagt, in leicht gereizter Stimmlage, wenn das störrische kleine Wesen vor uns einfach unseren Erwartungen nicht nachkommen wollte. Auch der Weinbergbesitzer hat bis drei gezählt, ohne dass sich seine berechtigten Erwartungen erfüllt hätten. Nun ist das Ende der Fahnenstange erreicht, die Schonfrist abgelaufen. Einschneidende Konsequenzen stehen an. „Hau ihn ab!“ Und schon sehen wir die Axt mit ihrem scharfen Keil, der in der Sonne blitzt. Schon hören wir im Geiste den ersten dumpfen Schlag und das Splittern des Holzes. Hören wir das Stöhnen und Ächzen des Baumes, der unter den Schlägen der Axt niederbricht.

Alles hat seine Zeit. Und die Zeit läuft ab. Das können wir wissen. Und es gilt für die Lebenszeit eines jeden von uns wie für die Zeit der Welt. Es wird immer deutlicher, dass unser Lebensstil den Tod in sich trägt. Wie viel Zeit haben wir noch, ehe die Polkappen abgeschmolzen sind und die Ozeane ihre Fluten senden? Wie viel Zeit haben wir noch, ehe eine böse Sonne die Savannen Afrikas in eine Wüste verwandelt? Womöglich hat uns die Klimakatastrophe längst übereilt, während die Welt in Kopenhagen noch über Quoten und Zertifikate verhandeln und so tun wird, als hätten wir ewig Zeit. In anderen Teilen der Welt ist längst spürbar, was das bedeutet – wenn der Meeresspiegel steigt und das Land verschlingt, oder wenn das Vieh auf den ausgedorrten Böden verreckt und Familien ihre Dörfer verlassen müssen, um im Elend der Städte zu vegetieren. Wir in den Indistrieländern sind bislang so trügerisch verschont, so ungerecht verschont, kommt doch aus unseren Schloten und Auspuffen das Gift, das anderen das Leben nimmt. „Ich finde keine Frucht an ihm. Was nimmt er dem Boden die Kraft? So hau ihn ab!“

Wie viel Zeit haben wir noch? Wie lange können wir noch so tun, als seien wir die Meister unseres Lebens und niemandem etwas schuldig? Wie lange dürfen wir noch unsere Ohren verstopfen vor dem Seufzen der Kreatur; auf Erfolg und Leistung setzen und die Schwachen verachten; die alten Streitigkeiten hegen und pflegen wie ein Kleinod und unsere Kränkungen als Ausreden für allerlei nutzen; hundertmal Ich Ich Ich sagen, bevor uns ein einziges Du über die Lippen kommt. Wie lange dürfen wir dabei noch so tun, als seien wir eigentlich ganz in Ordnung – anstatt zu erkennen, dass wir allzumal Sünder sind. Getrennt vom Ursprung und vom Ziel unseres Lebens. Ein Sünder, der nicht anders kann, als in immer wieder neuen An- und Irrläufen sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen. Wie lange noch?

Alles hat seine Zeit. Und die Zeit läuft ab. Das Bild vom Feigenbaum war eine bekannte Parabel, als Jesus sie erzählte. Johannes der Täufer hatte sie verwendet. Der Prophet aus der Wüste hatte seine Stimme erhoben: und was er zu sagen wusste, war messerscharf: „Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch beigebracht, ihr könntet dem bevorstehenden Zorngericht entfliehen?“ Kehrt um! Ändert euer Leben! „Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Lk 3,7.9) Für den Täufer Johannes steht die Welt im Feuerschein des Gerichts.

Kehrt um, es ist höchste Zeit! Johannes hat Recht. Es ist nicht egal, wie wir leben. Unsere Taten haben Folgen, und die Folgen unserer Taten holen uns ein. Doch ich spüre auch die Ohnmacht des Propheten. Er muss Druck machen, damit sich etwas ändert. Aber er erlebt auch, dass die Abwehr nur fester wird und Widerstand sich breit macht. Und dann tritt ein, was wir gut kennen: Der Ton wird schärfer, die Bilder immer aggressiver. Die Forderungen verschärfen sich. Eine Frist wird gesetzt. Und - es bewegt sich nichts. Früchte der Umkehr lassen sich nicht erpressen. Wir kennen das aus unserem privaten Leben. „Wenn das nicht anders wird, ist Schluss!“ „Wenn du damit nicht aufhörst, fliegst du raus!“ Und wir ahnen doch im Augenblick, wo wir so etwas sagen: So ändert sich nichts.

Denn ich kenne das ja von mir selbst: wenn sich die Anklagen häufen und der Druck wächst, dann wehre ich nur noch ab. Und wenn es noch so berechtigt ist. Es zieht sich alles nur noch mehr zusammen. Und alles wird härter und liebloser. So ist es auch mit der Bußpredigt: Umkehr ist nötig, aber unter der Peitsche der Forderungen erstarrt alle Bewegung. Es gibt eine Ohnmacht der Umkehrappelle, und eine geheime Verzweiflung der Angeklagten wie der Ankläger. Es ist Zeit zur Umkehr, aber wer gibt Zeit?
In der Geschichte des Feigenbaumes, wie Jesus sie erzählt, taucht plötzlich jemand auf. Eine neue Person betritt die Bühne. Der Gärtner. Und dieser fällt dem Weinbergbesitzer ins Wort und in den Arm. „Herr, lass ihn noch dieses Jahr. Ich will den Boden um ihn herum aufgraben und ihn düngen...“ Eine unerwartete Intervention. Eine neue Stimme. Überraschend auch, denn eigentlich weiß der Gärtner nichts Stichhaltiges vorzubringen. Nichts, als dass er um eine neue Chance bittet. Um Aufschub, um Zeit. Zeit zur Gartenarbeit: den Boden umgraben und auflockern und belüften, Dünger auftragen, gießen, bewässern. Vielleicht, dass diese liebevolle Sorge und umsichtige Pflege den Baum doch noch Früchte tragen lässt. Vielleicht kann der Saft neu fließen, vielleicht kann das Abgestorbene wieder leben, entstehen Blüten im nächsten Jahr. Vielleicht. Ein vager Hoffnungsschimmer, ein Hauch von Möglichkeit. Vielleicht bringt er doch noch Frucht. Und so schiebt sich zwischen den Weinbergbesitzer und den Baum dieser Mensch.
Liebe Gemeinde, so einen bräuchten wir. Einer, der einfach da ist. Der sich schützend vor uns stellt. Den man nicht beiseite schieben kann. Der mir die Gewissheit gibt: hier darf ich sein. Der mir Raum schafft, dass ich zu Atem komme. Einer, der den ewigen Antreiber in uns zum Schweigen bringt mit einem Wort, das Ruhe verspricht. Der die Anforderungen unserer Gesellschaft, all das Messen und Vergleichen und Abwiegen, ob die Frucht, die wir bringen auch reicht, relativiert. Der uns vom Druck befreit und vor der Angst, was die anderen zu mir sagen werden, wenn ich nicht genug „bringe“. Einer, der unsere Schwäche kennt und unsere Dunkelheiten. Einer, der an unserer Seite ist, wenn wir glauben, das Leben nicht mehr aushalten zu können, der sich in den Weg stellt, wenn ein junger Sportler sein Leben nicht mehr erträgt. Einer, der in der Nacht zwischen uns und unsere Gespenster tritt und sagt: Ich bin da, nichts kann dir geschehen.

So einen bräuchten wir: einen, der Geduld mit uns hat, wenn wir Streit miteinander haben. Einer, in dessen Güte wir leben können, der Schuld tragen hilft, der Ja sagt, wenn wir einander Nein zuschreien. So einen bräuchten wir. Dann könnten wir miteinander leben. So einen bräuchte die Welt: Einen, der Menschen Zeit lässt umzulernen, umzudenken, aus tödlichen Konflikten herauszufinden. Einen, der die erdrückenden Sachzwänge, die politischen, wirtschaftlichen, menschlichen, unmenschlichen Sachzwänge ignoriert und zerbricht. So einen bräuchten wir alle: einen Gärtner, der Leben wachsen und gedeihen lässt im Garten des Menschlichen.

Liebe Gemeinde, es ist nicht schwer zu erkennen, dass Jesus mit dem Erzählen dieses Gleichnisses sich selbst in der Rolle des Gärtners beschreibt. Es ist dieser Überschuss an Liebe, an dem wir ihn erkennen. Einer Liebe, die über die Grenzen der göttlichen Geduld hinausströmt. Den Menschen entgegen, uns entgegen. Der Gott, dessen Geduld und Langmut mit uns bis an die Grenzen der Erschöpfung gelangt sind, wird trotz all unserer Unzulänglichkeiten und Feindseligkeiten an die Liebe erinnert. Ja, geradezu gemahnt, über seinen Zorn diese Liebe nicht zu vergessen. Aufschub zu gewähren. Gnadenfrist. Geschenkte Zeit.

Da stellt sich einer ganz auf unsere Seite. Will uns aufhelfen. Durch verholzte Seelen sollen wieder Lebenssäfte fließen können, vertrocknete Hoffnung soll neu erblühen. Für uns kommt es also nicht darauf an, die Welt nach unseren Plänen zu verändern, sondern in diesem Gärtner den Christus zu erkennen. Wie die Frauen am Ostermorgen. Das verändert alles. Nicht wir ändern uns. Er verändert uns nach seinem Bild, leise, aber stetig. Er verändert uns, indem er uns hilft, uns selbst und die Welt mit seinen Augen zu sehen. Als gerichtet und gerettet. Durch seine Liebe, die sich in die Welt verliert und deshalb nie mehr aus der Welt zu schaffen zu schaffen ist. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.